Geschichte/Politik

Vier Fragen an Susanne Buddenberg

Susanne Buddenberg/Thomas Henseler: Berlin – Geteilte Stadt. Berlin: Avant-Verlag.

Fünf wahre Geschichten rund um die Berliner Mauer erzählen die Comic-Autoren Susanne Buddenberg und Thomas Henseler in ihrem Band Berlin – Geteilte Stadt. Für das Buch haben die beiden Autoren Zeitzeugen befragt, Fotoalben durchstöbert und Erlebnisse aufgezeichnet. Die beiden Autoren haben an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) studiert und arbeiten in den Bereichen Comic, Storyboard und Game-Design.

Das Buch „Berlin – Geteilte Stadt“ erzählt in fünf verschiedenen Geschichten die Zeit zwischen 1961 und 1989. Wie kam es zu diesem Projekt?

Die Recherche war sehr umfangreich und die Auswahl an möglichen Geschichten groß. Die Grundlage zur Geschichte von Jan Hildebrandt haben wir entdeckt, als wir ein Interview mit seiner Mutter gelesen haben, dass man in der Gedenkstätte Berliner Mauer einsehen kann. Die fünf Zeitzeugengeschichten, die wir schließlich aufgenommen haben, waren unsere absoluten Favoriten. Als wir die Zeitzeugen zum ersten Mal kontaktierten, waren wir sehr gespannt, wie sie auf unsere Anfrage, ihre Geschichte in einem Comic zu erzählen, reagieren würden und ob sie Ja dazu sagen würden. Die Zeitzeugen waren am Anfang schon skeptisch, aber durch die Interviews und das Einbeziehen in den Arbeitsprozess haben wir Vertrauen aufgebaut. Die Zusammenarbeit war sehr herzlich und wir haben uns sehr gefreut, wenn wir in die Familienfotoalben blicken konnten. Dass sich der Comic insbesondere an eine jugendliche Zielgruppe richtet, war für die Zeitzeugen übrigens die Hauptmotivation, das Projekt zu unterstützen. Ohne die finanzielle Förderung seitens der Bundesstiftung zur Aufarbeitung des SED-Diktatur wäre das Projekt nicht möglich gewesen.

Wie viele Elemente der Geschichten sind erfunden?

Die Geschichten sind nicht fiktional, sie sind so genau wie möglich recherchiert. Alles basiert auf Quellen, Zeitzeugengesprächen, Fotos und historischen Dokumenten. Je mehr Querverweise es gibt, umso historisch genauer kann auch die Darstellung sein. Diese Darstellung ist dann natürlich unsere künstlerische Interpretation.


Eine Voraussetzung für die Auswahl der einzelnen Geschichten war, dass wir mit allen Protagonisten Interviews führen können. So wie die Orte in dem Comic wiedererkennbar sind, so verhält es sich auch mit den Figuren: sie sind ihren Vorbildern sehr ähnlich. Eine echte Herausforderung war die Rekonstruktion des Tatortes in der zweiten Geschichte. Wir haben sehr viel Material gesichtet und lange gepuzzelt, bis wir uns ein umfassendes Bild der Situation machen konnten.

Deine Comic-Projekte entstehen in Teamarbeit. Was schätzt du daran?

Susanne Buddenberg. Foto: Anna SchmelzTeamarbeit hat viele Vorteile. Meine maximale Kreativität entsteht immer erst im Austausch mit anderen. Im Team kann man am besten „herumspinnen“ und entwerfen. Außerdem muss jeder nur die halbe Arbeit machen. Das schont die Kräfte und sorgt dafür, dass sich jeder auf das konzentrieren kann, was er am besten kann. Wenn man unbedingt nach Nachteilen suchen möchte, dann sind das hin und wieder Abstimmungsschwierigkeiten bei der Vision eines Projektes oder der Platz fürs Ego. Wenn man mit beidem umgehen kann, gibt es nichts Besseres als mit einem passenden Autor zu arbeiten - bei mir ist das Verena Klinke.

Wie läuft konkret die Zusammenarbeit mit Thomas Henseler?

Thomas Henseler. Foto: Anna SchmelzWir arbeiten von der ersten Idee bis zur Fertigstellung gemeinsam an den Comicprojekten. Die Projektentwicklung ist in verschiedenen Phasen aufgeteilt: Konzeption, Recherche, Interviews, Drehbuchentwicklung, Auflösung der Bilder in Einstellungen, Skizzen, Seitenaufteilung, Zeichnung und Kolorierung. Am spannendsten ist immer der Moment, wenn wir die Zeitzeugen und ihre persönliche Perspektive kennenlernen. Danach entwickeln wir das Drehbuch und die Einstellungen. Gerade das Auflösen der Bilder in verschiedene Einstellungen ist ein besonders intensiver Prozess, wo wir im engen Dialog um jedes einzelne Bild ringen und versuchen die bestmögliche Einstellung zu finden. Einige Bilder ändern sich dann nochmal, wenn wir die Seitenaufteilung optimieren. Erst dann beginnt Thomas mit den Zeichnungen, und ich im Anschluss mit den Grauwerten. Während des gesamten Projekts wurden wir zudem von Historikern und anderen Fachberatern unterstützt.

Hat sich durch die Arbeit euer Verhältnis zum Umgang mit Geschichte und Erinnerung verändert?

Mit den Comicprojekten möchten wir Geschichte erfahrbar machen. Da wir weder Historiker noch Zeitzeugen sind, erarbeiten wir uns die Zusammenhänge Stück für Stück. Dabei wechselt sich das Aktenstudium ab mit Zeitzeugengesprächen. Es gibt immer was zu entdecken, was wir noch nicht wussten. Das macht neugierig auf mehr. Naja, und so entsteht dann zumeist bei der Arbeit an dem einen Projekt die Idee zu einem neuen.

Buchtipps: 
  • Susanne Buddenberg/Thomas Henseler: Berlin – Geteilte Stadt. Berlin: Avant-Verlag. 100 S.  
  • Susanne Buddenberg/Thomas Henseler: Grenzfall. Berlin: Avant-Verlag. 104 S.
Rieke Harmsen führte das Interview.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2012
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