Cartoon/Humor

Die bizarre Welt des Nicolas Mahler

Copyright: Nicolas MahlerEs ist eine bizarre Welt, die uns Nicolas Mahler in seinen Comic-Cartoons präsentiert. Wie durch einen Hohlspiegel betrachtet, verzerrt der Österreicher das äußere Erscheinungsbild seiner Protagonisten. Große schlanke Figuren sind dünn und hoch wie Telegrafenmasten und dicklich Untersetzte sind quadratisch breit und tummeln sich rundweg am Boden. Auch ihre Extremitäten sind entsprechend grotesk gezeichnet, ihre Nasen sind länger als lang und ihre Stummelfüße kürzer als kurz. Mahler arbeitet genussvoll mit der humorvollen Überzeichnung, dem klassischen Stilmittel der Karikatur.
Copyright: Nicolas Mahler
Diashow

Comics von Nicolas Mahler

Darüber hinaus ist der Autor und Zeichner ein Freund der einfachen Skizze und ein Meister der Reduktion. Anfänglich beschleicht einen gar das Gefühl, dass er vielleicht nur faul ist, der Mahler. Denn die Gesichter seiner Figuren haben weder Augen noch Münder, womit er die Darstellung jeglichen Mienenspiels umgeht. Zudem reproduziert er gerne seine Bildmotive fast unverändert, so muss er sich weder mit aufwendigen Bewegungsabläufen noch mit wechselnden Hintergrundszenen auseinandersetzen.

Aber mit dieser Vermutung tut man ihm Unrecht, denn Mahler verfolgt vielmehr die Maxime: Wieso sollte der Betrachter durch zeichnerische Kapriolen vom Wesentlichen abgelenkt werden? Beim schnellen Durchblättern des Comics Flaschko – der Mann in der Heizdecke entdeckt man nur vereinzelt Variationen im Bildaufbau. Stattdessen finden sich immer links, in einem Sessel sitzend Flaschko in der Heizdecke, rechts stehend seine Mutter und, in der Mitte von beiden, ein Fernseher. Doch nicht nur der Teufel steckt im Detail, sondern auch der Witz. Und den weiß Mahler brillant, ganz heimlich, still und leise in Wort und Bild zu platzieren. Ob er sich von dem Stummfilmkomiker Buster Keaton und seinem stoischen Fatalismus inspirieren ließ sei dahingestellt. Jedenfalls meißelt er seinen Figuren einen ebensolchen unbeweglichen Ausdruck ins Gesicht. Und überdies gleichen sich die Film- und Zeichenfiguren in ihrer Art, wie sie dem Schicksal die Stirn bieten oder sich auch damit abfinden. Durch diesen Kunstgriff gelingt es Mahler, unter der Hassliebe zwischen dem unselbständigen Sohnemann und seiner überfürsorglichen Mutter verbergend, ein Familiendrama voll hintergründiger Spannungen zu inszenieren. Man könnte Mahler mit seinem stillen und lakonisch-spröden Humor über eigenwillige Außenseiter auch als einen Aki Kaurismäki der Comic-Cartoons bezeichnen. So kommen die Bilder des Österreichers, ebenso wie die des finnischen Regisseurs, auch ohne Farbe oder Worte aus. In Van Helsing macht blau (2008) inszeniert Mahler schwarzweiß und wortlos Horrorfiguren wie Dracula, Frankenstein und Werwölfe als liebevolle Schussel. Der Karikaturist Mahler konterkariert mit Vorliebe tradierte Sujets. So bedient er sich in seinen Herrenwitz-Variationen (2008) an dem peinlich schlüpfrigen Humor älterer Männer und wandelt diesen in eine neue und genießbare Form um.

Aufgrund ihrer körperlichen Eigentümlichkeiten sind sie dankbare Opfer für die Tücken des Alltags, dem Menschen nicht ungleich. Und mit der Erfindung der kafkaesken Figur Kratochvil ist Mahler ein einzigartiger Comic-Strip gelungen, völlig frei von jeglichen Genres oder Vorgaben. Gleich auf der Eingangsseite des Comics kann man "Kratochvils Welt" sehen, bestehend aus einem winzigen Eiland, auf dem sich nichts außer in den Himmel ragende Bäume befinden, zu deren Füßen sich der kleine untersetzte Angestellte Kratochvil plötzlich wiederfindet. Sowohl er als auch der Leser wissen nicht, wie er dorthin gelangt ist. Ist er vielleicht gestorben oder ist es nur ein Traum? Dennoch ist Kratochvils erster Gedanke: „Wie werde ich hier Arbeit finden?“ Konfrontiert mit der ungewollten Freiheit und Freizeit dreht sich Kratochvils Gedankenwelt im weiteren Verlauf um Fragen über sein Dasein, die Natur oder Gott und die Welt. Fragen, die er sich zuvor in seinem Leben nie gestellt hat und die er sich nie wieder stellen wird nachdem er völlig überraschend wieder vor seiner Fabrik steht.

Auch wenn die Dialoge in Kunsttheorie versus Frau Goldgruber (2007) an Absurdität kaum zu übertreffen sind, so beruht der Comicband auf einer wahren Begebenheit. Es handelt sich hierbei um Mahlers langatmige Diskussion mit Frau Goldgruber, einer ihm zugeteilten Finanzbeamtin. Die Konversation zur Klärung der Frage, ob er Künstler ist oder nicht, denn davon hängt in Österreich der Steuersatz von 10 oder 20 Prozent ab, entwickelt sich mehr und mehr zu einer Grundsatzdiskussion über Comics als Kunstform und Kunst im Allgemeinen. In dem Sammelband Die Zumutungen der Moderne (2007) berichtet Mahler von seinen grotesken Alltagserlebnissen. Ob beim Comiczeichenunterricht an der Volkshochschule oder als Gast auf diversen internationalen Comic- und Animationsfilmfestivals, Mahler zieht nicht nur eigenartige Menschen an, er weiß die bizarren Begegnungen auch mit vorzüglich trockenem Humor zu erzählen.

Um Kunst im Allgemeinen und Speziellen geht es auch in der Comic-Adaption Alte Meister. Die sprachgewaltigen Tiraden gegen die Kunst von Thomas Bernhard bannt Mahler mit kargen Worten und lakonischen Zeichnungen auf wenige Panels. Eine rabenschwarze Komödie, die sich nicht davor scheut, auch die Kunst der Karikatur selbstironisch auf die Schippe zu nehmen.

Figuren aus der Weltliteratur dienen bei einem anderen Projekt als Vorbild: In dem Fortsetzungscomic Alice in Sussex, der seit 2012 in der Tageszeitung Frankfurter Allgemeine Rundschau erscheint, mischt Mahler Elemente von Alice im Wunderland von Lewis Carroll mit der Erzählung Frankenstein in Sussex/Fleiß und Industrie des österreichischen Schriftstellers H.C. Artmann zu einem wilden Potpourri.

Im Jahr 2006 wurde Mahler für seine wunderbaren Humorzeichnungen in dem Sammelband Das Unbehagen mit dem Max und Moritz-Preis des Comic-Salons Erlangen geehrt, weitere Auszeichnungen folgten, darunter 2010 erneut der Max und Moritz-Preis, allerdings in der Kategorie „Bester deutschsprachiger Comic-Künstler“.

Nicolas Mahler ist ein begnadeter Humorist und ein Meister des Dahingekritzelten, der in banalen und kafkaesken Szenarien voll beklemmender Komik und ungewollter Poesie die Geschichten seiner Protagonisten ad absurdum führt.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2013

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolonline-redaktion@goethe.de