Cartoon/Humor

Nichtlustig – Joscha Sauer

Joscha SauerDiashow Jochen Sauer

Diashow

Wie kommt man darauf, unter dem Titel Nichtlustig seine gesammelten Cartoons zu veröffentlichen? Mit der Vermutung, dass der Zeichner und Autor Joscha Sauer eine Vorliebe für schwarzen Humor hat, befindet man sich auf dem richtigen Pfad. Denn Sauers makaberer Humor provoziert bei vermeintlichen Moralisten den Spruch: „Das ist aber nicht lustig.“ Es versteht sich jedoch von selbst, dass sich die Kritiker dabei hinter vorgehaltener Hand ein Schmunzeln nicht verkneifen können.

Sauer kam durch Zufall zum Cartoon. Aus einer Laune heraus reservierte sich der Grafiker die Internet-Domäne Nichtlustig.de und zeichnete als Beschäftigungstherapie täglich einen Cartoon. Schnell wurde die Website bei der Internetgemeinde so beliebt, dass der Carlsen Verlag auf ihn aufmerksam wurde. Sauers Cartoons kann man weiterhin in der virtuellen Welt betrachten, darüber hinaus werden sie jetzt aber auch in der quadratisch praktischen Buchreihe Nichtlustig veröffentlicht. Ob in Einzelbildern oder längeren Strips, Sauer ist ein Meister des absurden Humors. In seinen Cartoons konfrontiert er Menschen, Tiere und Außerirdische mit ganz alltäglichen Problemen, jedoch in grotesken Lebenssituationen oder Konstellationen. Für Nichtlustig entstanden weit über 1.000 Cartoons. Alle Arbeiten koloriert Sauer mit der Hand, bevor er sie einscannt und am Rechner nachbearbeitet.

Extraterrestrische Wesen können Menschen nicht entführen, weil sie die Schlüssel im Raumschiff stecken ließen, und Kängurus vergessen ihren Beutel im Bus. Oder die Episoden über die aberwitzige Figur Herr Riebmann, der in den Zwischenräumen von Mauern lebt und den Wohnungsmieter nervt. Makaber wird es, wenn Zebras Zebras überfahren, und zwar wo? Genau, auf dem Zebrastreifen, dem Ort an dem das gestreifte Getier regelrecht unsichtbar ist. Ein besonderes Faible hat der Cartoonist für Lemminge entwickelt, denen eine gewisse Todessehnsucht nachgesagt wird und die sich deshalb ideal für seine Cartoons eignen. Sauer lässt sie im Schwimmbad vom Zehnmeterbrett springen, jedoch auf der falschen Seite, auf der es kein Wasser gibt. Und die Kinderspielplätze für die jungen Lemminge sind direkt am Abgrund gebaut, so dass die Rutsche in die Schlucht weist. Der Tod ist allgegenwärtig in Sauers Cartoons, auch als personifizierter Sensemann, der allzu menschliche Seiten aufweist und einfach keinen Bock darauf hat, zur Arbeit zu gehen.

Sauer zelebriert genussvoll seine Maxime: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Hierfür hat er sich ein schräges Figurenensemble zusammengestellt, denen allen eines gemeinsam ist, nämlich dass sie Loser sind. Sie sind die tragischen Verlierer unserer Zeit oder des Laufs der Geschichte. Dazu gehören Dinosaurier ebenso wie der einfache Mann auf der Straße mit all seinen Macken und Fehlern, der in einer erfolgsorientierten Gesellschaft ebenso vor dem Aussterben bedroht ist wie einst die prähistorischen Tiere. Dennoch zeichnet all die Verlierer der Sauer-Cartoons eine liebenswert fatalistische Gelassenheit aus, mit der sie stoisch gegen ihre Handicaps ankämpfen. Das ein oder andere Mal entdeckt man in ihnen gerade deshalb eine gewisse Geistesverwandtschaft zur eigenen Existenz.

Sauer schreibt auch mehrseitige Geschichten, die in seinen Nichtlustig-Büchern veröffentlicht werden und als Grundlage dienen für eine Trickfilmserie, die über Crowdfunding finanziert wurde. In der Vermarktung ist Sauer ohnehin ein Profi: Seine Figuren dienen inzwischen als Grundlage für etliche Merchandising-Artikel – Yeti-Wärmflaschen, Plüsch-Dinosaurier, Lemming-Handyanhänger oder Sensemann-Backformen. Auch eine Applikation für Mobiltelefone hat er entwickelt, bei der es darum geht, als Yeti Flaschen zu sammeln, Seetiere zu befreien und Bomben zu zünden.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Februar 2013

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