Cartoon/Humor

Anarchistischer Humor – FIL

Kann man den anarchistischen Humor des Berliner Zeichners Fil überhaupt in Worte fassen? Es scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, denn wofür er nur wenige Striche und Worte benötigt, würde es in Textform seitenlanger Ausführungen bedürfen. Sein Markenzeichen sind die Vorstadt-Proleten Didi & Stulle aus dem gleichnamigen Comic-Strip der Berliner Stadtzeitung Zitty. Das ungleiche Schweine-Duo ist so liebenswert und chaotisch, so enervierend und rührselig zugleich wie Laurel und Hardy, Ernie und Bert, die Marx Brothers und die Simpsons zusammen. Die glorreichen Zwei berlinern in einem fort, dass allein schon Fils originelle Wortkonstrukte, die er den beiden in die „Berliner Schnauze“ legt, großen Spaß bereiten.

Didi & Stulle erscheint regelmäßig als Comicalbum und hat bereits über Berlin hinaus Kultstatus erreicht. Losgelöst von Zeit und Raum lässt Fil sein dynamisch chaotisches Duo in die Zukunft oder Vergangenheit reisen, ein Stelldichein mit Tod und Teufel geben, sowie allerlei Abenteuer mit Gott und David Bowie erleben. Und ganz nebenbei baut Fil seine spitzen Kommentare gegenüber Bands und Musiker wie Blumfeld, Tomte oder Iggy Pop in seine epische Comicwelt mit ein. Aber auch Jugendkulturen wie Cosplay und Hip-Hop, oder die Berliner Langzeitstudenten sowie die Schwabenenklave am Prenzlauer Berg bekommen eine ironische Abreibung. Didi & Stulle sind Fils omnipotente Waffe gegen Besserwisser und Szene-Hipster, Politik und Gesellschaft.

Fils demaskierende Karikaturen kennen kein Pardon und machen weder vor der Comic-Kultur noch vor ihm Halt. Als „Fil the Shrill“ ist der Zeichner Teil seiner Bildergeschichten und tritt im realen Leben unter selbigem Namen wiederum als Alleinunterhalter, mit Liedern und Sketchen, mit einer Show auf. Ein Kritiker würdigte Fils Live-Auftritte treffend als eine „Inkarnation des Comics“. Denn der Berliner Karikaturist besinnt sich der originären Stärken des Comics, der Komik und der Überzeichnung, und setzt sie sowohl in seinen Darbietungen als auch Cartoons kongenial an. Seine Comics und Parodien sind ein Vexierspiegel unserer Kultur, in dem man sich und das wahre Leben zwar leicht verzerrt, dennoch deutlich wiedererkennen kann. Genüsslich jongliert Fil mit den Bildern unseres kollektiven Gedächtnisses und bringt es mit unzähligen kulturellen Querverweisen und Zitaten aus der Welt der Comics und Fiktion gehörig durcheinander. Wahre und erfundene Ereignisse geben sich ein Stelldichein und dienen wiederum als Basis für die Inszenierung seiner eigenen Comicfiguren.

Fils Comics sind Realsatire und Subversion zugleich und bestechen durch eine chaotische genreübergreifende Gemengelage aus Fiktion und Realität. In seinem Comic Geschichten aus dem Comicgarten tauchen neben Lolek und Bolek, Werner und Catwoman, ebenso realexistierende Politiker, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und befreundete Bekannte des Zeichners auf. In seinem Album Gestatten Fil besetzt  er die Hauptrolle der Leiden des jungen W. dreist mit der Comicfigur Werner und staffiert um ihn herum die zynischen Karikaturen der literarischen Figuren Dorian Gray von Oscar Wilde, Anna Karenina von Leo Tolstoi und Steppenwolf von Hermann Hesse. Den Nährboden für Fils Cartoons bilden gleichermaßen die reale und fiktive Welt, die Hoch- und die Pop-Kultur und der ganz alltägliche Wahnsinn vor der Haustür.

Zum 200. Geburtstag von Heinrich Hoffmann lässt Fil gemeinsam mit Atak eines der erfolgreichsten Kinderbücher Deutschlands wieder aufleben, den Struwwelpeter (Kein & Aber, 2009). Fils neue Textinterpretationen von Zappelphilipp, Hans-guck-in-die-Luft & Co. überzeichnen um ein vielfaches die strenge Moral des Originals und werden von Ataks Illustrationen kongenial ergänzt.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Januar 2009