Cartoon/Humor

Hintersinnig und schlagfertig – Ralf König

Anfänglich fand kaum jemand seine Comics lustig. Weder weil die Gags nicht zuendeten, noch weil sie schlecht gezeichnet oder die Storys langweilig waren, nein, einzig und allein, weil Ralf König seine Erzählungen in der homosexuellen Szene ansiedelte.

Als König seine ersten Comics in den 1980er-Jahren entwickelte, war eine sich als „aufgeschlossen“ gebende Gesellschaft noch nicht bereit für eine humorvolle und freizügige Thematisierung von Homosexualität. Vor allem die Comic-Szene, die von einer männlichen, heterosexuellen Leserschaft dominiert wurde, hatte Berührungsängste.

So veröffentlichte König 1981 beim Verlag Rosa Winkel seine erste Albumreihe Schwulcomix, die in der homosexuellen Szene schnell Kultstatus erhielt. Doch König wollte seine Knollennasenmännchen einem breiteren Publikum zugänglich machen und bewarb sich, zunächst mit wenig Erfolg, bei zahlreichen Verlagen. Erst 1987 entschloss sich ein deutscher Buchverlag seinen Comic Der bewegte Mann zu veröffentlichen, der ein Bestseller und dessen Verfilmung sieben Jahre später ein Kassenschlager wurde.

In seinen Comics greift König äußerst virtuos Vorurteile und Klischees, wie sie bei Homosexuellen und Heterosexuellen gleichermaßen vorherrschen, auf, konfrontiert sie miteinander und spielt sie ironisch gegeneinander aus. Dies macht die subversive Stärke seiner humorvollen Comics aus, in denen der Leser sich und seine eigene Voreingenommenheit, unter all diesen überzeichnet dargestellten Stereotypen, wieder entdecken kann. Denn Königs schwule Protagonisten kämpfen nicht nur gegen gesellschaftliche Konventionen, sondern ebenso gegen die Tücken des Alltags oder Probleme in der Partnerschaft.

Zu seinen bekanntesten Schöpfungen gehört das widersprüchliche Dauerpaar Konrad und Paul aus Köln, anhand derer er, ohne sich in Zynismus zu verlieren, die Uniformität der Schwulenszene karikierend portraitiert. Während Paul seine Libido in Dark Rooms und Saunas auslebt, wartet der introvertierte Konrad zuhause, spielt Klavier und hört Klassik-CDs. Die Geschlechterrollen der Protagonisten sind austauschbar und machen ihre Beziehungsprobleme und ihren Liebesalltag deshalb so universell, ob für Homo- oder Heterosexuelle. Mit durchschlagendem Humor wirken Ralf Königs Comics einer ausgrenzenden Tabuisierung und diffamierenden Stigmatisierung von Homosexualität in der Gesellschaft entgegen und tragen entscheidend dazu bei, dass die Liebe zwischen Gleichgeschlechtlichen mehr und mehr akzeptiert und als gleichwertig angesehen wird.

2006 wird Ralf König auf dem Comicsalon Erlangen für seine Comicbücher Dschinn, Dschinn (2006) mit dem Max-und-Moritz-Spezialpreis geehrt. Die beiden Bände mit den Untertiteln Der Zauber des Schabbar und Schleierzwang im Sündenpfuhl sind Königs Reaktion auf den Karikaturenstreit, der durch die Mohammed-Karikaturen ausgelöst wurde. Seine künstlerische Stellungnahme, in der er sich für die Kunstfreiheit der Karikaturisten einsetzt, beginnt zunächst im Stil von Tausend und einer Nacht, um dann in eine ziemlich absurde Geschichte zu münden, in der die Themen Lust und Glaube, Schönheit und Vergänglichkeit ironisch behandelt werden. Zunächst entführt König den Leser in die Epoche von Karl des Großen, um ihn kurz darauf in die Gegenwart zu katapultieren, in eine homo- und heterosexuelle Aachener Wohngemeinschaft, die plötzlich mit christlichen und muslimischen Fundamentalisten, Mullahs und Burkas konfrontiert wird.

Die Diskussion um Religion und Glauben greift König in dem Comic Prototyp erneut auf, in dem er mit seiner ganz eigenwilligen Art die christliche Schöpfungsgeschichte neu erzählt. Anhand der Zwiegespräche von Adam und der Schlange sowie ein paar Off-Tönen von Gott, bewegt sich der scharfsinnige Humorist König auf für ihn ungewöhnliche, aber deshalb nicht minder brillant erzählte, philosophische Pfade. Es ist eine Wonne, wie König Adam, die Krönung der Schöpfung, als behaarten Moppel, mehr Affe als Mensch, darstellt und ihn mit der diabolischen Schlange über Sünde, Willensfreiheit, Trieb, Erkenntnis, Religion und Glauben sinnieren lässt. Die Schöpfung gerät bei König bereits vor dem Auftauchen von Eva außer Kontrolle, und die Widersprüche von Moral und Natur sowie bedingungslosem Glauben und kritischer Erkenntnis diskutiert er äußerst unterhaltsam und mit geistreichem Humor.

Mit Dschinn, Dschinn und Prototyp beweist Ralf König, dass er längst nicht mehr einzig auf homosexuelle Beziehungskomödien abonniert ist. Hintersinnig und schlagfertig entblößt er mit Hilfe des Humors gesellschaftliche Phänomene und Probleme unserer Zeit.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Januar 2009

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