Cartoon/Humor

Opulente Romane und reduzierte Comics – Walter Moers

Auf den Schultern von Walter Moers sitzen zwar nicht Engelchen und Teufelchen, dafür aber seine eigenen Schöpfungen: das kleine Arschloch und Käpt`n Blaubär. Die vulgäre minderjährige Nervensäge und der notorische Flunkerer flüstern ihm all diese fantastischen und humoristischen Geschichten ein, die er als Comic-Zeichner, Romancier, Dreh- und Kinderbuchautor verfasst.

Moers liebt es in unterschiedlichen, auf den ersten Blick diametral entgegengesetzten Genres und Gebieten kreativ zu sein, und doch eint sie alle sein Interesse an der Verbindung von Wort und Bild. Während er seine opulenten Romane mit einer fantastischen Mythen- und Märchenwelt und feinziselierten Illustrationen ausstattet, bestechen seine Comics durch totale Reduktion. Mit ein paar wenigen flüchtigen Strichen und einigen Farbtupfern hier und da, beseelt er seine knollennasigen Protagonisten, im guten wie im bösen Sinn. Und derweil sein liebenswürdiger Käpt`n Blaubär in den Kinderzimmern den Baron von Münchhausen an Flunkerei und Beliebtheit längst übertroffen hat, berührt der Comic Adolf die Deutschen an ihrer empfindlichsten Stelle, nämlich dem Umgang mit der eigenen Geschichte, dem Nationalsozialismus. „Äch bin wieder da“ prangt es in übergroßen Lettern auf dem Titel und drunter sieht man einen stilisierten Adolf Hitler, der trotz Bärtchen und Seitenscheitel dem kleinen Arschloch, nicht nur äußerlich, ähnelt.

In seinen Comics lebt Moers seine Obsession aus, gesellschaftliche Tabuthemen zu persiflieren. Und sein kleines Arschloch zeigt uns im wahrsten Sinne des Wortes die ungeliebte Kehrseite beliebter Kinder-Comic-Strips, wie Little Nemo, die Peanuts und Calvin & Hobbes. Denn vor den respektlosen Verbalattacken des kleinwüchsigen Bastards ist niemand gefeit, egal welchen Alters und Geschlechts, welcher Religion oder politischer Meinung er angehört.

Moers Karikaturen sind aber nie menschenverachtend oder gar zynisch, was bisher seine Werke davor bewahrte, dass sie trotz vermehrter Anträge nicht auf die Liste der jugendgefährdenden Schriften gesetzt wurden. Moers ist ein unbequemer und ein sich ständig an Klischees reibender Künstler, aber das zeichnet ihn wiederum in seiner Originalität und Einmaligkeit aus. Nicht umsonst wurden seine Werke mit zahlreichen Comicauszeichnungen, Film- und Fernsehpreisen geehrt, seine Romane und Comics führen Bestsellerlisten an und seine Filme sind wahre Publikumsmagnete.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

Copyright: Goethe-Institut Stockholm
Mail Symbolinfo@stockholm.goethe.org
März 2005