Cartoon/Humor

Ein Zustand der Schwebe – Bernd Pfarr

Copyright: Gabriele Roth-PfarrMit eigenbrötlerischem Humor und absonderlichen Szenarien hat Bernd Pfarr sein Publikum in Satirezeitschriften, Wochen- und Tageszeitungen zu begeistern gewusst. Mit nur 45 Jahren ist er 2004 an Krebs verstorben und hat eine unschließbare Lücke in der deutschsprachigen Cartoon-Landschaft hinterlassen.

1998 erhielt Bernd Pfarr im Rahmen des Comic-Salons in Erlangen den Max-und-Moritz-Preis als Bester deutscher Comic-Zeichner. An der Offenbacher Hochschule für Gestaltung hat Pfarr eine klassische Malerei-Ausbildung absolviert, die die Charakteristik seiner späteren Arbeiten geprägt hat. Denn er fertigte seine matt lichtdurchfluteten Cartoons großformatig in Acryl an, die in ihrer Manier eher an die Gemälde eines Edward Hopper erinnern, als an die Zeichnungen seiner Kollegen. Die zahlreichen Helldunkelkontraste und leuchtenden Farbakzente verleihen Pfarrs Bildern einen Moment der Ewigkeit und lassen sie in der Zeit verharren. Doch im Gegensatz zu Hopper bedient sich Pfarr nicht eines realistischen Stils für seine Landschaften, Gebäude und Figuren, sondern lässt sie einer Comicwelt entspringen.

Seine bevorzugten Protagonisten sind der liebe Herr Gott, Bruno, der Bär, Purzel, der kantianische Hund, Fido, Alex der Rabe und Sondermann, der eigentümliche Büroangestellte. In Bernd Pfarrs Cartoon-Welt leben sie ihre liebenswürdigen Marotten aus und ringen mit den absonderlichen und surrealen Abenteuern des Alltags. Sein Humor ist kein lauter, plötzlich über den Betrachter hereinbrechender Witz, der sich schon im Bild ankündigt. Da Wort und Bild inhaltlich und räumlich weit voneinander getrennt sind, erschließt sich die Komik erst beim Lesen des Textblocks unterhalb der Abbildung. Pfarr führt seine durchgeknallten vom Leben gezeichneten Geschöpfe nicht vor, sondern porträtiert sie in ihrem Aufbegehren würdevoll. Denn er wollte nie als Satiriker gelten, da ihm das Besserwisserische und Schulmeisterliche zuwider war. Stattdessen ließ Pfarr die bedeutenden tagespolitischen Meldungen links liegen und widmete sich mit Vorliebe den eher kleinen Vorkommnissen, die durch ihre Absurdität etwas über die Welt zeigen, in der wir leben. Diese Darstellungsweise und seine hochliterarisch und mit altmodischer Umgangssprache gefärbten Bildunterschriften brachten ihm den Titel als „Poet des Absurden“ ein. Dem Malstil entsprechend erzählte Pfarr einen Witz nicht bis zum bitteren Ende, sondern erzeugte einen Zustand der Schwebe, in die auch die Phantasie des Betrachters mit einbezogen wird.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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März 2005