Cartoon/Humor

Vier Fragen an: Christian Moser

Ärger und Verzweiflung, Langeweile und Unpünktlichkeit, Besoffen- oder Betroffenheit: Dem Münchner Zeichner Christian Moser, 1966 geboren, ist kein menschliches Gefühl mehr fremd. Sein Buch „Gesammelte Schrecken der Monster des Alltags“ erklomm im Jahr 2011 den 6. Platz in der Hitliste der bestverkauften Titel der deutschen Comic-Branche. Der Autor, Illustrator und Comiczeichner hat für die „Süddeutsche Zeitung“ und Magazine wie „Tempo“ oder „Prinz“ gearbeitet. Wenn er nicht gerade an einem Monster arbeitet, zeichnet er Comic-Biografien – oder steht mit seinem „Monster-Soloprogramm“ auch auf der Bühne.

Wie entstehen die Monster?

Christian Moser: Monster des AlltagsIn enger Zusammenarbeit mit meiner Co-Autorin Carolin Sonner, die auch die Typografie der Bücher gestaltet. Wir nehmen uns ein Thema vor, analysieren es in einer Art Zwei-Personen-Gruppentherapie und arbeiten den Kern des Phänomens heraus. Bei den Zeichnungen ist es unterschiedlich: Mal habe ich sofort ein Bild des Monsters im Kopf, mal sind viele Skizzen nötig, bis der Begriff schlüssig umgesetzt ist. Die Struktur und Dramaturgie des Buches entsteht dann meistens erst am Schluss. Und dabei fallen auch immer einige Monster raus, die dann in der Schublade auf den nächsten Band warten. Carolin pflegt einen klassisch-edlen Stil der Gestaltung, der mit meinen lustigen Zeichnungen harmoniert und sie besser zur Geltung bringt. Die Grafik ist ja gerade bei meinen Monsterbüchern ein integraler Teil des Ganzen, der auch auf Postkarten, Tassen und Kalendern unverzichtbar ist. Davon abgesehen, arbeite ich grundsätzlich lieber im Team als alleine.

Die Monster sind eine Art „Kompendium menschlicher Launen“ – Deiner Launen?

Christian Moser: Monster des AlltagsBei den Monstern geht es um Psychologie, man kann sich auf humorvolle Weise mit den eigenen schlechten Eigenschaften und denen seiner Mitmenschen beschäftigen. Die Leute erkennen sich in den Monstern wieder. Carolin und ich sagen immer gern, dass wir all die schlechten Eigenschaften in den Büchern nicht mehr haben, da sie ja im Zuge unserer Forschung ausgetrieben wurden. Aber ganz so ist es natürlich nicht. Es gibt schon einige Monster, die mich weiterhin hartnäckig quälen – zum Beispiel der Perfektionismus, der die Arbeit immer wieder endlos in die Länge zieht, oder die Inkonsequenz, die regelmäßig meine guten Vorsätze (auch das ein Monster) zunichtemacht. Völlig fremd ist mir kaum ein Monster – dann könnte ich es wohl auch kaum beschreiben.

Du zeichnest auch Biografien – beispielsweise über Johann Wolfgang von Goethe oder Karl May. Wie kam es dazu?

Mein damaliger Verlag wollte, dass ich etwas Lustiges zum Goethe-Jahr 1999 mache. An eine Biografie hat zunächst niemand gedacht, doch als ich mich näher mit der Lebensgeschichte des Dichterfürsten beschäftigt habe, war mir schnell klar, wie das Buch aussehen muss: Goethes Leben und Werk, erzählt von Mephisto. Und das hat mir dann solchen Spaß gemacht, dass ich einfach weitermachen musste.

Christian Moser: Karl MayEs ist eine reizvolle Herausforderung, innerhalb des engen Rahmens gesicherter Tatsachen die eigene Erzählung zu entwickeln. Die Biografien sollen lustig und wahr sein. Ich verbiege keine Fakten, ich verlagere höchstens das Gewicht so, dass schöne Pointen herauskommen. Und ich möchte, dass man den Menschen versteht. Meine Bücher über Goethe, Freud und May sind zwar bisweilen ironisch, aber nie zynisch oder beleidigend. Ich könnte mich auch nicht so lange und so intensiv mit einem Menschen beschäftigen, den ich nicht irgendwie mag. Außerdem macht mir die Recherche großen Spaß – vielleicht kompensiere ich damit, dass ich nie richtig studiert habe ...

Du bist ein „Münchner Kindl“ – liebst oder hasst Du die bayerische Landeshauptstadt?

Tatsächlich bin ich in dieser Stadt derart zuhause, dass ich ihre Schattenseiten fast ebenso akzeptiere, wie ich mich über die Vorzüge freue. Über die Biergärten, das schöne Umland und die „Gemütlichkeit“ muss ich wohl nichts sagen – das ist alles tatsächlich wahr. Und natürlich kann München mit seinen unvermeidlichen Schickis und Promis und dem bei aller Modernität stets vorhandenen CSU-Konservativismus auch ziemlich nerven. In letzter Zeit wird aber vor allem die Beliebtheit der Stadt ein echtes Problem: Die Touristen belagern uns mittlerweile ganzjährig und der ungebremste Zuzug von Reichen und Superreichen machen machen das Wohnen für Normalverdiener zunehmend unerschwinglich. Über kurz oder lang wird das der Tod jeder Subkultur sein. Ich kann nur hoffen, dass München auch das auf erträgliche Weise absorbiert.
Rieke Harmsen führte das Interview.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2012
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