Klassiker

Ein hartes, aber humorvolles Leben – Marie Marcks

Kunstmann-VerlagMarie Marcks hat einen scharfen Blick auf die Gesellschaft. In ihren Zeichnungen hält sie ihre Beobachtungen fest und versieht sie mit entlarvendem Spott. So wurde sie eine der wichtigsten deutschen Zeichnerinnen.

„Man sollte sich über sie nicht täuschen“, warnte der Philosoph und Publizist Claus Koch. Wer zu rasch mit den Zeichnungen von Marie Marcks sympathisiere, übersehe den „bürgerlichen Ernst“ ihres Werkes. Marcks habe in ihren politischen Karikaturen mit „Radikalität und präziser Haltung“ das Nachkriegsdeutschland kommentiert. „Satire war Marcks immer zu wenig“, so Koch. Auch deshalb bleibe Marcks „notfalls etwas unwitziger – weil sie zeigen möchte, dass man ein tapferes Herz haben kann“.

Ein hartes, aber humorvolles Leben

Marie Marcks, 1922 in Berlin geboren, zählt zu den wichtigsten deutschen Zeichnerinnen der jungen Bundesrepublik. Mit ihren politischen Karikaturen, Illustrationen, Zeichnungen und Büchern reflektierte und hinterfragte sie das deutsche Alltagsleben der 1960er- bis 1990er-Jahre. Ihr Leben mit fünf Kindern von drei Vätern war nicht immer einfach. Doch Marie Marcks stammte aus einem Elternhaus, das „Sinn für mich und viel Humor“ hatte, wie sie selbst erzählt.

Marie Marcks: Bildergalerie. Copyright: Kunstmann-Verlag
Diashow


Der Vater, ein Architekt, konnte „aus dem Handgelenk eine komplette Indianerschlacht aufs Papier bringen“, wie sie sich später erinnerte. Die Mutter Else Marcks-Penzig hatte die Kunstakademie besucht und leitete eine von ihr gegründete Kunstschule. Anregung und Inspiration bekam die junge Marie auch von ihrem Onkel Gerhard Marcks, dessen Skulpturen und Bilder während der NS-Zeit als verfemt galten und nicht ausgestellt werden durften.

Marie lernte an der Kunstschule ihrer Mutter und studierte anschließend von 1943 bis 1945 vier Semester Architektur in Berlin und Stuttgart. 1944 brachte sie ihr erstes Kind in einem Nationalsozialistischen Volksheim (NSV) in Posen zur Welt – „für Mädchen, die von irgendwelchen arischen Soldaten geschwängert worden waren, um dem Führer ein Kind zu schenken. Schrecklich! Aber es war billig, und ich war nur zwei Wochen dort“.

Weil die russische Front näher rückte, sprang die 22-Jährige mit ihrer neugeborenen Tochter auf einen Militärzug und fuhr nach Hornhausen im Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt, wohin ihre Eltern evakuiert worden waren. Aus Angst vor den russischen Soldaten ließ Marcks ihr Kind bei den Eltern und floh nach Heidelberg. Dort verdiente sie ihren Lebensunterhalt, indem sie Schloss-Ansichten zeichnete und an amerikanische Soldaten als Andenken verkaufte.

Marcks blieb in Heidelberg und entwarf Plakate für den Heidelberger Filmclub und den Studentenjazzclub Cave 54. Dort lernte sie ihren Mann kennen, hörte Ella Fitzgerald und Oscar Petersen oder diskutierte mit dem Fotografen Robert Lebeck oder dem Konzertveranstalter Fritz Rau über Politik und Kunst.

Erste politische Karikaturen

In den 1950er Jahren folgte Marie Marcks samt Kindern ihrem Mann Helmut Krauch in die USA. Die Strahlungsversuche, die Krauch als Post-Doktorand am National Laboratory in Brookhaven, New York, unternahm, waren ihr „keineswegs geheuer“. Die Verflechtung von Forschung und Rüstung führte zu „heißen Diskussionen“, die ihren Niederschlag fanden in der wissenschaftlichen Zeitschrift Atomzeitalter. Hier publizierte sie auch ihre ersten politischen Karikaturen. Marcks, tief geprägt von den Erfahrungen des Nationalsozialismus, wollte Position beziehen. Verantwortung bedeutete für sie, nicht locker zu lassen.

Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung übernahm eine Zeichnung aus dem Magazin. Nun schickte Marcks per Post jede Woche einen Briefumschlag an die Süddeutsche Zeitung, mit Karikaturen zu Rüstungsfragen oder der Friedensbewegung, zu Atompolitik oder Neonazis. Für jede Karikatur gab es um die 25 Euro (damals 60 Mark), aber nur, wenn sie auch abgedruckt wurde.

„Anfangs habe ich noch meinen Vornamen abgekürzt, damit man nicht weiß, dass ich eine Frau bin“, erinnerte sich Marcks später. Gelegentlich wurden die Zeichnungen abgelehnt, manche verschwanden auch in der Schublade. So etwa die Szene zwischen einem Alternativen und einem Beamten. „Pazifiste biste“, sagt der Beamte und stempelt ein Formular, „also Kommuniste“. Sein Fazit: „Biste ooch als Terroriste – automatisch auf der Abschussliste“. Drückt den Stempel „Sicherheitsrisiko“ auf das Blatt, und Ende.

Die Kunst der Umsetzung ins Lächerliche

Marie Marcks ließ sich nicht beirren in ihrem Engagement. Sie behauptete sich in der medialen Männerdomäne, wohl auch weil sie mit ihren fünf Kindern einen eigenen, emotionalen Blick auf das Weltgeschehen pflegte: „Ich hatte das Gefühl, ich habe meine fünf Kinder in eine hochgefährdete Welt hineingeboren“, so Marcks. Wenn es um Abtreibung oder die Stationierung der Pershing-Raketen ging, fühlte sie sich persönlich angesprochen.

Diese Betroffenheit spiegelt sich wieder in den Figuren ihrer Karikaturen, den alkoholnasigen Politikern, den Latzhosen-Frauen und Vollbart-Anarchos, den verknöcherten Generälen und aus der Form gelaufenen, gestressten Müttern. „Meistens werden die Karikaturen gut, wenn man sich wirklich aufgeregt hat“, fand Marcks, „und dann Bedarf es der Umsetzung ins Lächerliche.“

In Heidelberg zog Marcks mit Mann und Kindern in eine alte Scheune in Handschuhsheim. Das Zusammenleben war nicht immer einfach. „Damals waren die Väter nur Sonntagsväter“, erinnerte sich Marcks, „ich weiß noch, wie wütend ich war, als mein Mann einfach die Tür zu seinem Büro abschloss, um in Ruhe arbeiten zu können“. Prompt reagiert sie mit einer Karikatur: Eine erschöpfte Mutter mit strähnigen Haaren und spitzer Nase zieht drei plärrende Kinder aus dem Wohnzimmer und sagt: „Pappa braucht Ruhe für seine Arbeit“. Der Vater liegt entspannt auf der Couch, ein Buch auf dem Bauch. Er döst.

Feministin der ersten Stunde

„Lächerlichmachen ist viel wirksamer, als zu dozieren“, fand Marcks – und kämpfte mit spitzer Feder gegen althergebrachte Auffassungen und Rollen; wehrte sich gegen die herrschende Meinung, dass Frauen mit Beruf ein schlechtes Gewissen haben müssen. Als „Feministin der ersten Stunde“, wie sie die ehemalige Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, später einmal bezeichnete, fühlte sie sich deshalb noch lange nicht. Vielmehr ging es ihr darum, bestehende Verhältnisse zu hinterfragen und wenn möglich ein klein wenig zu verändern. „Nun muffel doch nicht gleich wegen meinem Ruf nach Bremen; du kannst ja da einen Kinderladen machen oder irgendwas“, beschwichtigt in einer Zeichnung eine erfolgreiche Frau ihren griesgrämig blickenden Partner.

Im Laufe der Jahre hat Marcks gelernt, ihre Karikaturen, die sie stets mit dem Bleistift vorzeichnete, immer weiter zu verdichten. Manche Zeichnungen schildern einen komplexen Sachverhalt, ohne ein Wort zu benötigen: Einem Kind hängt ein Paragraf um den Hals, wie an einem Folterwerkzeug ziehen die Eltern und Anwälte daran, während der Richter tatenlos zuschaut. Oder: Zwei Männer in einer mittelalterlichen Rüstung stehen nebeneinander, jeder strickt an seinem monströsen Gewand aus Raketen, aus ihren Mündern quellen leere Sprechblasen in den Raum. Es passiert: nichts.

Späte Anerkennung

Etliche Karikaturen haben selbst über die Jahre nicht an Aktualität eingebüßt, denn in ihnen geht es um Grundsätzliches – mangelnde Verantwortung, Ausgrenzung, Rassismus oder Ungerechtigkeit. Auch deshalb steht Marie Marcks auf einer Höhe mit politischen Karikaturisten wie Ernst Maria Lang oder Achim Greser und wird in gleichem Atemzug genannt mit Zeichnerinnen wie Franziska Becker oder Claire Brétécher.

Dennoch musste Marcks lange auf eine öffentliche Würdigung warten. Erst als 72-Jährige bekam sie 1994 für ihr Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz verliehen, 2002 folgte der Göttinger Elch und schließlich 2008 der Deutsche Karikaturenpreis. Mit über 90 Jahren zeichnet Marie Marcks immer noch. Ihre Devise für den Nachwuchs: „Hartnäckig bleiben“.
Rieke Harmsen

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Juli 2013

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