Klassiker

Erfinder etlicher Fortsetzungsgeschichten – Hansrudi Wäscher

Portrait von Hansrudi WäscherSeine Comic-Figuren prägten in den 1950er-Jahren eine ganze Generation von Jugendlichen. Dennoch blieb der Zeichner viele Jahre fast unbekannt. Hansrudi Wäscher, am 5. April 1928 in St. Gallen in der Schweiz geboren, erfand etliche Fortsetzungsgeschichten.

Die Comics mit Dschungeljunge Akim, Ritter Sigurd und Weltraumfahrer Nick, die es als Piccolo-Heftchen im Querformat für zwanzig Pfennig am Kiosk zu kaufen gab, waren bei Jungen und Mädchen gleichermaßen beliebt. Wäscher hatte als Kind in der Schweiz mit Begeisterung italienische Comics gelesen. Als er mit zwölf Jahren mit seinen Eltern nach Hannover zog, musste er feststellen, dass es dort kaum Comics zu kaufen gab. Er begann, sich selbst Geschichten auszudenken und zu zeichnen.

Mut und Ausdauer

Bob und Ben“ von Hansrudi Wäscher; Copyright: B E C K E R ! - I l l u s t r a t o r sBis er seinen Lebensunterhalt damit verdienen konnte, sollte es jedoch noch einige Jahre dauern. Nach der Mittleren Reife ging Wäscher in die Lehre als Plakatmaler. Die Ausbildung brach er jedoch bald ab, um Gebrauchsgrafik an der Werkkunstschule Hannover zu studieren. Sein erstes Geld verdiente Wäscher als Plakatmaler und Illustrator: Für die Stadt Hannover zeichnete er das Verkehrserziehungsheft Der Herr Boll. Die Bildgeschichte Peterle für den Schwarzwald-Verlag wurde allerdings nie veröffentlicht. 1953 entwickelte Wäscher für den Walter Lehning Verlag in Hannover die Ritterfigur Sigurd.

Wie sein Vorbild aus der Nibelungensage verfügte der Held über enorme Kräfte. „Jeder soll das Unrecht bekämpfen, wie es in seiner Macht steht“, sagt Sigurd in der Folge „Das Gottesurteil“. Mit Mut und Ausdauer sorgte der Held für Recht und Ordnung. Die Abenteuer von Ritter Sigurd verkauften sich in Millionenauflage, bis 1960 erschienen über 320 Piccolo-Hefte.

Produktive Jahre

Für Hansrudi Wäscher waren dies die produktivsten Jahre: Täglich zeichnete er eine komplette Bildergeschichte. 1955 setzte er die Serie Akim des italienischen Zeichners Augusto Pedrazza fort, 1958 schuf er in der Folge des Sputnik-Starts die Fantasy-Serie Nick der Weltraumfahrer. Bisweilen arbeitete er an vier Serien gleichzeitig. Um die Comics trotz aller Routine spannend zu machen, lockerte er die Geschichten mit ganzseitigen Panels auf oder schob kleine Zwischenszenen ein.

„Roy Stark“ von Hansrudi Wäscher; Copyright: B E C K E R ! - I l l u s t r a t o r sMit einem sogenannten Cliffhanger, einer spannenden Überleitung am Heftende, sorgte er dafür, dass seine jungen Leser auch das nächste Heft kauften. Zudem folgte Wäscher mit seiner Formensprache gezielt den Vorbildern jener Zeit: Ritter Sigurd trug eine blonde Haartolle und Pilot Nick flog im modischen roten Overall ins Weltall. Wäscher eckte mit seinen Geschichten in den 1950er-Jahren auch an: „Es war eine prüde Zeit“, erinnerte er sich 2008 in einem Interview. Eine Frau im Badeanzug zu zeichnen habe damals etliche Protestschreiben zur Folge gehabt.

Weitermachen in der prüden Zeit

Manches Heft sei sogar von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften verboten worden. Das habe ihn gekränkt, jedoch nicht davon abgehalten, weiterzumachen. Größte Belohnung seien ohnehin die vielen Kinder gewesen, die auf ihn warteten, wenn er freitags mit seinen Belegexemplaren nach Hause kam. 1969 wechselte Wäscher zum Bastei Verlag Bergisch-Gladbach. Für den Verlag entwickelte er die Serie Buffalo Bill für die Heftreihe Lasso.

1982 folgten die Gespenster-Geschichten und die Fantasy-Figur Fenrir. Die alten Piccolo-Hefte waren zu diesem Zeitpunkt schon Sammlerstücke. Heute werden für ein Original Piccolo-Heft bis zu 1.000 Euro gezahlt. Gebührende Anerkennung fand Wäschers Gesamtwerk erst in den letzten Jahren: 2008 wurde der 80-Jährige mit dem Max-und-Moritz-Preis des Comic-Salons Erlangen ausgezeichnet, 2009 folgte der PENG!-Preis des Comicfestes München. An neuen Comic-Serien arbeitet der alte Herr, dessen Kennzeichen ein breiter Schnauzer ist, heute nicht mehr. Für Auftragsarbeiten mit alten Motiven ist er allerdings noch immer zu haben.
Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

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Oktober 2009
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