Klassiker

Erfinder der Digedags – Hannes Hegen

Copyright: Tessloff VerlagDie Geschichte der DDR-Comics ist im Wesentlichen mit dem Namen Hannes Hegen alias Johannes Hegenbarth verknüpft. Er ist der Vater der erfolgreichen Heftserie Mosaik und Erfinder der Digedags.

Es war ein glücklicher Zufall, als sich der ambitionierte Zeichner 1955 mit seiner Mappe bei dem Verlag Neues Leben vorstellte. Denn der Zentralrat der Organisation Freie Deutsche Jugend (FDJ), dem der Verlag unterstellt war, hatte die Entwicklung eines Gegenstücks zu West-Comics, insbesondere der Micky Maus, in Auftrag gegeben. Hegen überzeugte mit seiner zeichnerischen Vielfalt und Qualität und bekam die Chance, die neue Heftreihe für Jugendliche ab 9 Jahren zu konzipieren.

Am 23. Dezember 1955 erschien das erste Mosaik von Hannes Hegen mit dem Digedag-Trio, bestehend aus Dig, Dag und Digedag. Nachdem man in den 60er Jahren die westliche Comic-Produktion komplett als Inbegriff der kapitalistischen Schund- und Hetzliteratur diffamiert hatte, bezeichnete man die im eigenen Land produzierten Comics als „Bilderzeitschriften“. Aufgrund stilistischer Analogien zu den Publikationen des Klassenfeinds, wie z. B. Sprechblasen, Humor und Lautmalerei, unterlag das Mosaik einer strengen Kritik und ständiger Beobachtung.

Damit das Mosaik nicht nur spannende Unterhaltung lieferte, sondern auch ideologisch wertvoll wurde, begann der Verlag und die Partei Hegens Einfluss auf Inhalt und Stil zu mindern. Ein Redakteur, der Hegen als Zensor vorgesetzt wurde, sorgte dafür, dass ab 1958 die Fortschrittlichkeit des sozialistischen Systems mit Hilfe zeitgemäßer Gegenwartsthemen aus politischen und naturwissenschaftlich-technischen Bereichen gelobt wurde. Eine besondere Rolle sollte dabei der sowjetische Vorsprung in der Weltraumfahrt spielen. Das Mosaik-Team reagierte auf ihre Art und ließ die Digedags symbolisch mit einer Rakete in das All entführen. Auf dem Planeten Neos trafen sie auf Menschenkolonien, deren politische Verhältnisse denen des Ost-West-Konflikts und dem geteilten Deutschland entsprachen.

Nachdem Mosaik 1960 zu dem Zeitungs- und Zeitschriftenverlag Junge Welt wechselte, wurden die historischen und wissenschaftlichen Inhalte noch weiter ausgebaut, um bei der Jugend ein verstärktes Interesse für die Themen und Berufe zu wecken. Und während es den meisten DDR-Bürgern nicht vergönnt war zu reisen, waren die Digedags in Raum und Zeit weltweit unterwegs und sogar beim Klassenfeind, in der USA. Nachdem sich Hegen 1973 zum wiederholten Mal mit der Verlagsleitung überwarf, kündigte er und beharrte auf den Urheberrechten an seinen Digedags. Heute erscheint das Mosaik weiterhin: mit modifiziertem Schriftzug und einem neuen Heldentrio, den Abrafaxen.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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März 2005