Klassiker

Die Entstehung der Comicszene in Deutschland ist eng mit der Geschichte des Landes verbunden. Jede Epoche kann Illustratoren vorweisen, deren Werk die Zeit überdauert hat – „Klassiker des deutschen Comics“.

Deutschland hat eine lange Karikatur- und Illustrations-Tradition: Nachdem 1854 ein Gesetz die Pressefreiheit garantierte, entstanden zahlreiche satirische Zeitschriften, so etwa die Illustrierte Simplicissimus. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die meisten satirischen Werke zensiert oder mit regimetreuen Inhalten versehen, viele Illustratoren verjagt. Der politische Karikaturist Erich Ohser (1903–1944) wurde 1934 nicht in den Reichsverband deutscher Pressezeichner aufgenommen, was zu dieser Zeit einem Berufsverbot gleichkam. Die Vater und Sohn-Geschichten veröffentlichte er unter dem Pseudonym E. O. Plauen. Ohser nahm sich im April 1944 aus Angst vor einer Verhaftung das Leben.

In der Nachkriegszeit fanden US-amerikanische Comics in Deutschland reißenden Absatz. Zeitungen beauftragten daraufhin ihre Karikaturisten und Zeichner mit der Entwicklung eigener Geschichten. 1947 erschien im Düsseldorfer Bildbuchverlag Hartmann das erste deutsche Comic-Heft Bumm macht das Rennen von Klaus Pielert mit einer Auflage von 10.000 Stück, in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR Der Junge Pionier, für die Richard Hambach Bildergeschichten mit Bienchen Kati entwickelte. Zu Klassikern wurden Roland Kohlsaats Abenteuergeschichten von Jimmy, das Gummipferd und Manfred Schmidts Detektivfigur Nick Knatterton.

Die Serienbild-Kultur war geboren, es entstanden Heftreihen, die hohe Auflagen erzielten. Der Verleger Rolf Kauka gründete aus der Reihe Eulenspiegel die Funny-Serie Fix und Foxi, die bis heute existiert, und im Walter-Lehning-Verlag publizierte Hansrudi Wäscher Sigurd, Ritter ohne Furcht und Tadel. In der TV-Zeitschrift HörZu erschien die Serie mit dem Igel Mecki. Die massenhafte Verbreitung sorgte zu Beginn der 1950er-Jahre allerdings auch dafür, dass Psychologen und Elternvereinigungen Kampagnen gegen „Schund- und Schmutz“-Literatur starteten. Es kam zu Demonstrationen und sogar zu öffentlichen Verbrennungen der Bücher und Hefte.

In der Bundesrepublik wurde im Juni 1953 ein Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften verabschiedet, in der DDR folgte 1955 die „Verordnung zum Schutze der Jugend“. Jugendliche sollten, so die Vorgabe der DDR-Funktionäre, mit Bildergeschichten „bildend unterhalten“ werden. Der Zeichner Hannes Hegen (*1925) bekam in diesem Zusammenhang den Auftrag, für die Zeitschrift Mosaik ein Gegenstück zu Micky Maus zu entwickeln. Seine Helden Dig, Dag und Digedag zählen zu den Klassikern des DDR-Comics.

Wirklich salonfähig wurde der deutsche Comic aber erst in den 1960er-Jahren, als eine neue Generation von Zeichnern die Gattung weiterentwickelte. Janosch, Walter Schmögner und Angela Hopf fanden zu neuen Ausdrucksformen wie dem „Comic-Bilderbuch“. In den Siebzigern entstanden satirische und gesellschaftskritische Comics von F. K. Waechter, Hans Traxler und Franziska Becker, aber auch Kindercomics wie die Abrafaxe-Figuren der DDR-Zeichnerin Lona Rietschel. Eine eigene Bildsprache entwickelte in den 1980er-Jahren Matthias Schultheiss, während Walter Moers für die Kinder den Lügenbold Käpt’n Blaubär schuf.

Die deutsche Wiedervereinigung führte zu einer weiteren Professionalisierung der Zeichner und einer immer breiteren Themenfächerung. Heute ist die deutsche Comic-Szene so ausdifferenziert, dass einzelne Genres und Trends unterschieden werden können. Als moderne Klassiker gelten heute ebenso die Werner-Motorradgeschichten von Brösel wie die Erwachsenencomics von Ralf König oder die Manga-Geschichten von Judith Park.
Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2008

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