Klassiker

Eine der großen Unbekannten in der deutschen Kulturwelt – Lona Rietschel

Foto: Thomas HummitzschLona Rietschel gilt als „Mutter der Abrafaxe“. Die drei Kobolde Abrax, Brabax und Califax sind seit 1976 die Helden der Comiczeitschrift Mosaik. Die abenteuerlichen Bildgeschichten sind einer der längsten Fortsetzungscomics der Welt.

Im Osten Berlins lag mit dem Kulturpark Plänterwald einst der größte Vergnügungspark der DDR. In der Nähe steht die Archenhold-Sternwarte mit dem längsten beweglichen Fernrohr der Welt. Von beidem einen Steinwurf entfernt wohnt seit über vierzig Jahren die Zeichnerin Lona Rietschel. Man mag sie sich gar nicht woanders vorstellen, denn die Figuren, die sie jahrzehntelang gezeichnet hat, ließen die Menschen in der DDR von fernen Welten und besseren Zeiten träumen. Die abenteuerlichen Bildergeschichten der drei Kobolde Abrax, Brabax und Califax sorgten für unvergessliche Momente der Sorglosigkeit und des Vergnügens. Trotz Millionenauflage waren die Hefte oft schon kurz nach Erscheinen ausverkauft.

Von den Digedags zu den Abrafaxen

Die 1933 geborene Lona Rietschel gehört zu den großen Unbekannten in der deutschen Kulturwelt. Dabei hatte sie über Jahrzehnte die Rolle inne, die Hergé oder René Goscinny in der frankophonen Welt oder Carl Barks und Walt Disney im angloamerikanischen Raum zuteil wurde. Ihre Zeichnungen prägten Generationen von Lesern.

Foto: Thomas Hummitzsch

Die Berlinerin gilt als die „Mutter der Abrafaxe“, die seit 1975 im Mittelpunkt der bis heute beliebten Mosaik-Hefte stehen. Die zunächst von ostsozialisierten Lesern zum Kult erhobene Comicserie wird inzwischen in ganz Deutschland begeistert gelesen. Sie ist nicht nur Deutschlands erfolgreichste Bildergeschichte, sondern auch der längste Fortsetzungscomic der Welt. Die Mosaik-Hefte sind eines der wenigen Kulturgüter, das den Transfer aus dem Realsozialismus in die kapitalistische Marktwirtschaft überlebt hat. Im Oktober 2013 erscheint Heft Nummer 454.

Lona Rietschel erhielt im Mai 2013 für ihr Lebenswerk den Peng!-Preis des Comic-Festivals in München – auch weil diese Erfolgsgeschichte eng mit ihrem Namen verbunden ist. Dabei war es zunächst Hannes Hegen, der seit 1955 mit den Bildergeschichten rund um die Digedags den Grundstein der Hefte legte. Am 1. Mai 1960 stieß Lona Rietschel zum Mosaik-Kollektiv. Zuvor hatte sie Modegrafik studiert, eine Klasse für Zeichentrickfilm besucht und als Modellschneiderin gearbeitet. In diesen Lehrjahren eignete sie sich ihre umfangreichen Kenntnisse des figürlichen Zeichnens an. Schnell wurde die Berlinerin zur wichtigsten Figurenzeichnerin in der Mosaik-Redaktion. Erst gab sie den Digedags Mimik und Gestik, später erweckte sie die Abrafaxe zum Leben.

Das Zeichnen von Figuren war ihr Metier und zugleich ihre größte Faszination. Als sie Anfang der Siebzigerjahre den Band Asterix und die goldene Sichel in die Hand bekam, studierte sie eine Nacht lang mit der Lupe die Zeichnungen der Figuren.

Fünfzehn Jahre arbeitete Lona Rietschel im Team unter Hannes Hegen, bevor dieser 1975 „auf die unsinnige Idee kam, aufzuhören“, erinnert sie sich. Es waren ihre prägendsten Jahre. Dankbarkeit und Wehmut liegt in ihrem Blick, wenn sie sich an die familiäre Atmosphäre im Mosaik-Kollektiv in den 1960er-Jahren erinnert. Hannes Hegen zog sich jedoch 1975 im Streit aus der Redaktion zurück, Rietschel tut das noch heute weh.

Zeichnerischer Durchbruch nach 1975

Die Mosaik-Redaktion zieht im selben Jahr in den parteinahen Verlag Junge Welt, der die begehrten Comics herausgab. Hegen nahm die Rechte an den Digedags mit, neue Figuren mussten her. Nach Vorgaben von Lothar Dräger entwarf sie die neuen Helden der Mosaik-Hefte, die drei Kobolde Abrax, Brabax und Califax – es ist ihr zeichnerischer Durchbruch.

Der Auftrag, mit spannenden Bildergeschichten Wissen und Kulturgeschichte zu vermitteln, blieb bestehen. Das erklärt die erzählerische Nähe der Mosaik-Hefte zu Comic-Klassikern wie Tim und Struppi oder Asterix, die Rietschel mit wenigen Ausnahmen nicht kannte. Politisch unabhängig sollten die Geschichten sein, weshalb sie räumlich und zeitlich aus der DDR hinausverlagert wurden. Die Helden reisten ins Mittelalter, in die Wirren der französischen Revolution oder in den Fernen Osten zu Chinesen und Mongolen. Anregungen für die Zeichnungen fremder Länder und Kulturen fand sie in zahlreichen Büchern sowie in den heimlich eingeschleusten Ausgaben des National Geographic, von dem immer noch zahlreiche Jahrgänge über ihrem Wohnzimmersofa stehen.

Die Abrafaxe überleben die Wende

Nach der Wende wurde der Verlag Junge Welt 1991 abgewickelt, die Angestellten bekamen den Stempel „parteinah“. Noch heute verletzt sie diese pauschale Diskreditierung, in die SED wäre sie schließlich nie eingetreten. Der Werbefachmann Klaus D. Schleiter verhinderte das Ende der Mosaik-Hefte, indem er sich bei der Treuhand die Rechte sicherte und sie seither im Verlag Mosaik Steinchen für Steinchen herausgibt. Unter seiner Leitung zeichnete Rietschel die Abrafaxe noch bis 1999. Kurz vor dem 25. Jubiläum ihrer Kobolde ging sie in Rente. Den Stift ganz ruhen lassen kann sie aber nicht: Für den Verlag zeichnet sie die Titelseiten für die Sammelbände.

Es mischt sich aber auch Bitternis in das Ende ihrer Zeichenkarriere. Wie Carl Barks würde Lona Rietschel gern noch einige Ölgemälde mit ihren Kobolden verkaufen. Da sie als Angestellte aber immer nur im Auftrag gezeichnet hat, liegen die Urheberrechte für die Figuren nicht bei ihr. Juristisch ist das völlig korrekt – die „Mutter der Abrafaxe“ aber hat das Gefühl, ihrer geistigen Kinder beraubt worden zu sein. So hat dieses einmalige Leben für die Bildergeschichte am Ende auch eine tragische Seite.

Thomas Hummitzsch
ist freier Autor und schreibt unter anderem für den Tagesspiegel, die Welt, die Süddeutsche Zeitung und die taz. Er betreibt den Literaturblog Intellectures.de.