Manga

Opulente und romantisierende Darstellung – Judith Park

Judith ParkJudith ParkAuch in Deutschland haben japanische Comics, die Manga, unter Jugendlichen einen Fan-Boom ausgelöst und sind inzwischen zum festen Bestandteil der hiesigen Comic-Kultur geworden. Gerade die Leserschicht der Heranwachsenden wurde durch die japanischen Comics neu erschlossen, denn aufgrund der jugendlichen Themen bieten sie ihnen zahlreiche Identifikationsmöglichkeiten. Während westliche Comics die Probleme Heranwachsender in Schule, Beziehung, Sexualität, Freundschaft und Familie fast völlig aus den Augen verloren haben, fokussieren die Narrationen der zielgruppenorientierten Manga genau diese. Zudem erleichtert der standardisierte Erzähl- und Zeichenstil es den Fans, die Comics ihrer Idole nachzuzeichnen und so werden Manga nicht nur konsumiert, sondern auch eifrig nachgeahmt.
Copyright: Judith Park
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Comics von Judith Park

Durch die zahlreichen Manga-Zeichenwettbewerbe wurden schon mehrere deutsche Talente entdeckt, so auch die Mangaka Judith Park. 2002 belegte sie bei Zeichenwettbewerben in Köln und auf der Leipziger Buchmesse den ersten Platz und wurde daraufhin von einem Verlag unter Vertrag genommen. Parks erste Manga-Geschichte Dystopia (2004) wurde zunächst in einem Manga-Magazin veröffentlicht, das gerade jungen Zeichnern als Sprungbrett dient. Aufgrund der positiven Resonanz bei der Leserschaft wurden die gesammelten Episoden als Taschenbuch erneut veröffentlicht. Dystopia behandelt die unerfüllte Liebe zwischen Geschwistern, sowohl zeichnerisch als auch erzählerisch ist der Comic vom Stil der Mädchen-Manga, der Shojo-Manga, geprägt. Die männlichen und weiblichen Protagonisten sind opulent, romantisierend dargestellt mit den obligatorischen großen Augen, wallendem Haar und androgynen Zügen.

Die Geschichte handelt von der heimlichen Liebe Dionnes zu ihrem Bruder Lyon, der wiederum mit ihrer besten Freundin Shikku ein Verhältnis hat. Das komplizierte Bruder-Schwester-Verhältnis wird zusätzlich durch die Eltern erschwert, die den Sohn ihrer Tochter vorziehen. Dionne fühlt sich allein und zurückgewiesen. Nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Bruders hat sie ihre einzige Bezugsperson verloren und zieht sich nun ganz von ihrer Familie zurück. Nur durch ihre Freundschaft zu Shikku findet sie die Kraft, sich ihrer Umwelt nach und nach erneut zu öffnen. Auch in ihrer Mangaserie Y Square befasst sich Judith Park mit der Gefühlswelt Jugendlicher. Yoshitaka ist auf seinen Mitschüler Yagate neidisch, denn ihm liegen alle Mädchen zu Füßen. Aus Neid wird Freundschaft und so versucht der Frauenversteher Yagate Yoshitaka zu helfen. Doch eigentlich hofft er, dass sich Yoshitaka in ihn verliebt, denn er ist homosexuell.

Luxus (2007) handelt dagegen von der modeverrückten Scarlette, die jung, wunderschön und steinreich ist. Sie ist ein Glamourgirl, das sich mit einer Kreditkarte jeden Wunsch erfüllen kann. Als ihr jedoch eine geheimnisvolle kleine Figur zugesteckt wird, bekommt ihr vermeintlich schönes Leben schlagartig Risse. Fortan macht sie sich auf die Suche nach dem „wahren Glück“.

Die Protagonistin in Kimchi (2009) ist eine 16jährige gebürtige Koreanerin, die seit frühester Kindheit bei ihrem Onkel in Hamburg lebt. Von ihren Mitschülern regelmäßig ausgelacht und schikaniert, flüchtet die introvertierte Jugendliche vermehrt in Tagträume, die sich jedoch plötzlich immer öfter ihrer Kontrolle entziehen. Die Comiczeichnerin Park lässt in ihren mysteriösen Abenteuermanga Kimchi Okkultismus und Schamanismus ihrer koreanischen Heimat einfließen.

Auch wenn Judith Park sich voller Bescheidenheit in einem Nachwort über vermeintliche Anfängerfehler und schwache Dialoge in ihren Comics äußert, so gehört sie sicherlich zu den talentiertesten Manga-Zeichnerinnen Deutschlands. Selbstironisch lockert sie ihre komplexen, melodramatischen Narrationen mit Humor- und Slapstickeinlagen auf, ohne dabei die eigentliche Geschichte zu vernachlässigen.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Mai 2009