Manga

Ausgewählte Charakterisierungen und Figurenkonstellationen – Christina Plaka

Copyright: TokyopopKurz vor der Jahrtausendwende ist auch bei den jugendlichen Comic-Lesern in Deutschland das Manga-Fieber ausgebrochen. Auslöser dafür war die plötzliche Publikation der spezifischen japanischen Comics in Taschenbuchformat. Selbst die aus Kostengründen belassene original japanische Leserichtung, von hinten nach vorn und von oben nach unten, schreckt die juvenilen Konsumenten nicht davon ab, sich mit einer Vielzahl von Serien einzudecken.

Doch was macht die Faszination dieses Comic-Genres aus? Auf der einen Seite ist es die zielgruppenorientierte Produktion von Mädchen-, Jungen- und Erwachsenen-Manga, die sich inhaltlich und zeichnerisch unterscheiden. Auf der anderen Seite ist es eine äußerst aktive Fan-Szene, die durch Conventions, Internet-Foren, Zeitschriften, Cosplay und Zeichenwettbewerben die Leser aktiv einbindet. Und was im Land der aufgehenden Sonne funktioniert, findet auch in Deutschland regen Zuspruch. Konzentrierten sich die Verlage anfänglich noch auf das Publizieren japanischer Produktionen, stellte man bald fest, dass auch im eigenen Land, ganz im Stil der Nippon-Vorbilder, gezeichnet und erzählt wird. Dabei hält man sich nicht nur akkurat an die japanische Ästhetik, sondern übernimmt auch die authentische Leserichtung der Manga.

So auch die junge Zeichnerin Christina Plaka, die aufgrund hervorragender Text- und Zeichenproben die Möglichkeit erhielt, erste Geschichten in dem Mädchen-Manga-Magazin Daisuki zu veröffentlichen und nun sogar ihre eigene Taschenbuch-Serie erhielt. In Prussian Blue (2003) erzählt sie die Höhen und Tiefen einer jugendlichen Schülerband auf ihrem Weg zum ersten Plattenvertrag. Seit einem Verlagswechsel erscheinen die Folgealben der Serie nun unter dem Titel Yonen Buzz, in denen die Musiker Jun, Sayuri, Keigo und Atsushi inzwischen Studenten sind oder sich mit einfachen Jobs durchs Leben schlagen. Der Wunsch nach Erfolg als Band kollidiert mit ihren persönlichen alltäglichen Problemen, mit Geld- und Zukunftssorgen oder in Form von zwischenmenschlichen Beziehungen. Plaka gelingt es durch eine ausgewählte Charakterisierung und Konstellation der Figuren, die Schwierigkeiten von Jugendlichen bei ihrer Suche nach Identität aufzuzeigen. Die Popkultur spielt hierbei eine prägende Rolle, vor allem die Mode und die Musik. Dem Duktus der japanischen Mädchen-Manga angepasst, setzt die Zeichnerin und Autorin auf alltägliche Adoleszenzgeschichten, die von Identifikation und Sozialisation handeln. Zudem konfrontiert sie ihre androgynen Protagonisten mit den für Shonen-Manga typischen emotionalen und sexuellen Verwirrungen.

Christina Plakas Werdegang steht für eine neue Generation von deutschen Comiczeichnerinnen und -zeichnern. Mit amerikanischen Superhelden-Comics aufgewachsen, gab der erste Manga-Kontakt in der Pubertät die Initialzündung, Comics nicht nur zu konsumieren, sondern selbst aktiv zu werden. Während Christina Plaka vor ein paar Jahren noch selbst zu den großen japanischen Stars auf Messen pilgerte, stehen nun bei ihren Signierstunden die Fans in langen Schlangen an, da sie inzwischen zu den beliebtesten deutschen Mangaka gehört.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Mai 2009