Manga

Grenzgänger der europäischen und asiatischen Lebensrealität – Jürgen Seebeck

Jürgen Seebeck ist maßgeblich an dem Erfolg der japanischen Comics in Deutschland beteiligt. Nachdem er in Hamburg und Tokio Japanologie studierte, begann er Manga ins Deutsche zu übersetzen. Darunter waren die aller ersten Manga-Reihen, wie z. B. die Erfolgsserien „Akira“, „Battle Angel Alita“, „Dragonball“ und „Astroboy“. Nach und nach erwarb sich Seebeck neben seinem immensen Wissen über japanische Sprache und Kultur einen enormen Kenntnisstand über die spezifische Erzählform des Manga.

Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er, inspiriert von den japanischen Comics selbst, mit dem Zeichnen begann. Doch bekanntermaßen gilt der Prophet im eigenen Land nichts, und so war Seebeck lange Zeit in Japan populärer als in seiner Heimat. Seinen ersten noch in schwarzweiß gehaltenen Manga „Ha, Hamburg“ (1992) veröffentlichte er in dem japanischen Manga-Magazin „Weekly Morning“. In Deutschland erschien 1996 sein erster Comic „Der fliegende Hamburger“ in dem Comic-Magazin „Schwermetall“.

Doch seine bislang erfolgreichste Arbeit ist der zweibändige Kurzgeschichten-Manga „Bloody Circus“, der anfänglich bei dem japanischen Verlagsgiganten Kodansha als Online-Comic erschienen ist und im Jahre 2000 in Deutschland verlegt wurde. „Bloody Circus“ ist nicht nur aufgrund seiner Farbigkeit – die japanischen Comics werden fast ausschließlich schwarzweiß gedruckt – ein außergewöhnlicher Manga. Als Grenzgänger der europäischen und asiatischen Lebensrealität gelingt es Seebeck in seinen Erzählungen, beide Kulturen aus ihren jeweiligen Kontexten herauszulösen und elegant zu verknüpfen. In seinen Kurzgeschichten tauchen aus beiden Welten Geister und mythologische Figuren, literarische Themen und Zitate aus der Popkultur auf und werden in fantastische und futuristische Sphären transferiert. Der Leser ist gleichermaßen fasziniert und verstört, da er sowohl mit bekannten wie auch fremden Mustern, Zeichnungen und Szenarien konfrontiert und einem Wechselbad der Kulturen ausgesetzt wird. Mit „Bloody Circus“ glückt Seebeck mehr als nur ein Spagat zwischen den Kulturen, denn seine symbiotische Arbeits- und Zitierweise macht neugierig auf das jeweils Unbekannte und Fremde.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

Copyright: Goethe-Institut Stockholm
Mail Symbolinfo@stockholm.goethe.org
März 2005