Manga

Der japanische Einfluss auf deutsche Comics

Moki: „Popov & Piezke“
 
Der Manga-Boom begann in den 1990er-Jahren mit dem Erfolg einiger Shojo- und Shonen-Mangaserien. Mittlerweile ist daraus ein großer Markt geworden, rund 80 Prozent des Umsatzes in der Comicbranche werden mit Manga erwirtschaftet. Sehr schnell haben die deutschen Fans begonnen, selbst Manga zu zeichnen, wodurch eine ganz neue Szene mit eigenen Strukturen entstand, die mit der traditionellen Comicszene keinerlei Berührungspunkte hatte.

Bei den Manga aus Deutschland fiel zunächst vor allem auf, wie stark sich die jungen Mangaka am japanischen Vorbild orientierten. Sogar die japanische Leserichtung wurde übernommen. Solange man nicht in die Stories einstieg, waren sie kaum von den verehrten japanischen Vorbildern zu unterscheiden – je ähnlicher, desto besser. Zudem geben viele deutsche Mangaka sich und ihren Protagonisten japanische oder wenigstens japanisch klingende Namen.

ATAK, aus „Wondertüte 5/6“, © ATAK / ReproduktEs gibt aber doch Unterschiede, die zum Teil schon in der Produktionsweise begründet liegen. Die deutschen Mangaka haben keine Assistenten, sondern müssen alles selbst zeichnen, sogar die Hintergründe. Deshalb produzieren sie viel langsamer, und die Serien sind kürzer angelegt als japanische Reihen. Mittlerweile haben sich allerdings Themen und Stile stark ausdifferenziert. Erfolgreiche Titel wie Gothic Sports von Anike Hage oder Indépendent von DuO sind zwar eindeutig Manga, könnten aber so nicht in Japan entstanden sein: Gothic hat in Japan mit Sport nicht das Geringste zu tun; und die Heldin in Indépendent ist die sehr selbstbewusste Tochter eines Mafiosos, die sich einfach nimmt, was sie will, notfalls mit äußerst rabiaten Methoden. Diese Manga erscheinen bei großen Verlagen und erreichen für deutsche Verhältnisse eine ziemlich große Leserschaft, mit Auflagen um die 10.000.

Daneben hat sich mittlerweile eine eigenständige und produktive Underground-Szene entwickelt, die ihre Comics in Klein- oder Selbstverlagen herausbringt. Einige transportieren zutiefst ernsthafte Anliegen wie Losing Neverland von Fahr Sindram. Sie wendet sich darin zwar vehement gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern, bleibt aber ästhetisch dem Shojo-Manga treu.

Viele Mangaka der ersten Stunde sind jetzt Mitte Zwanzig und aus den Serien ihrer Pubertät herausgewachsen. In ihren aktuellen Manga geht es um klassische Themen des Comic Underground, wie Musik, Sex und Drogen. Auch stilistisch haben sie sich längst weg entwickelt vom reinen Kopieren. Indes sind die Einflüsse der Manga, mit denen sie aufgewachsen sind, immer noch klar erkennbar. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Anthologie Ballroom Blitz, die ganz unterschiedliche Geschichten über Musik versammelt.

Carolin (Story) &  Romina Walch (Zeichnungen): „No Love Lost“, in Ballroom Blitz, © Schwarzer Turm 2008, Carolin & Romina Walch

Aber auch Künstler außerhalb der Fanszene haben sich von der Manga-Ästhetik anregen lassen. So zitiert der Berliner ATAK in seinem Comic Hunde über Berlin nicht nur mit dem Close-up eines entsetzten, tränenüberströmten Gesichts explizit Hino Hideshi, einen japanischen Horror-Zeichner. ATAK greift auch immer wieder die dynamische Seitenaufteilung auf, verwendet typische Speedlines und verweist mit seinen ornamentalen Hintergründen auf Manga. Sascha Hommer, Zeichner und Herausgeber des Comicmagazins Orang, bezieht sich auf Osamu Tezuka und Hayao Miyazaki als zeichnerische Vorbilder. Auch die Traumwelten der jungen Künstlerin Moki aus Hamburg sind bevölkert von Wesen, die zumindest verwandt zu sein scheinen mit den Geschöpfen aus Hayao Miyazakis Anime.

Mawil, aus „Das grosse Supa-Hasi Album“, © Mawil / ReproduktGelegentlich werden Manga und J-Culture auch freundlich auf die Schippe genommen: Der Berliner Zeichner Mawil leitet seinen Band Das große Supa-Hasi Album mit einer Parodie auf deutsche Manga ein. Bei ihm stellt sich das Herunterzählen in Panels neben der jungen mangaesken Frauenfigur schon auf der nächsten Seite als Countdown heraus und nicht als Anweisung, dass dieser Comic von der anderen Seite zu lesen sei. Der Berliner Zeichner Fil kommentiert seit vielen Jahren das Zeitgeschehen in seinem Comic Didi & Stulle, der regelmäßig in einem Stadtmagazin erscheint. Und wenn sogar dort die Anhänger der J-Culture karikiert werden, mit allem was an Kleidungs- und Lebensstil dazu gehört, dann müssen sie wohl zu den bedeutenden Phänomen der deutschen Gegenwart gehören.

Die strikte Trennung zwischen der Manga- und der traditionellen Comicszene existiert jedenfalls längst nicht mehr. Auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen und den beiden großen deutschen Buchmessen trifft man sich, denn man hat etwas gemeinsam: Enthusiasmus für Comics – egal, ob Manga oder andere.

Jutta Harms
ist PR-Agentin, Herausgeberin und Übersetzerin von Comics. Sie ist in Berlin ansässig und arbeitet mit Verlagen wie Reprodukt, Edition Moderne und dem Avant-Verlag.

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Mai 2009

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