Manga im deutschsprachigen Raum

Noch vor 15 Jahren hätte man es kaum für möglich gehalten, dass japanische Comics einmal weltweite Verbreitung finden würden. Heute gehören sie in einem Maße zum Alltag Jugendlicher, dass ihre Bildsprache sogar bei deutschem Aufklärungsmaterial zum Einsatz kommt: So wirbt eine Manga-Story mit dem Titel „First Love, Safety First!“ für den Gebrauch von Kondomen, und das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen bedient sich des Manga-Stils, um mit Bildungscomics über Rechtsextremismus aufzuklären.
Doch von „dem“ Manga kann selbst im deutschsprachigen Raum keine Rede sein. Das condomi-Material wendet sich eindeutig an Mädchen, und der Verfassungsschutzcomic stützt sich auf jungenhaftere Ausdrucksmittel. Während Freunde der Comickunst sich für ein breites Spektrum, einschließlich alternativer Zeichner wie Tsuge Yoshiharu, Maruo Suehiro oder Nananan Kiriko interessieren, bevorzugen jugendliche Manga-Fans die aktuellen japanischen Serien mit dem stärksten Globalisierungspotenzial.
Deren historische Vorläufer sind kaum bekannt. Nur wenige klassische Werke des Mädchenmanga aus den 1970-er Jahren liegen in Übersetzungen vor, und so bleibt leicht verborgen, dass die heute so populären Boys’-Love-Geschichten eben dort ihren Ausgangspunkt hatten. Der Manga-Boom begann im deutschsprachigen Raum 1996 mit Dragon Ball und Sailor Moon, das heißt mit Langserien für Teenager, deren Charaktere sich mühelos über die medialen Grenzen zwischen Druckerzeugnis, Zeichentrickserie und Video- oder Computerspiel hinwegsetzen. Manga wie diese wollen nicht nur gelesen oder betrachtet werden. Ihre eigentliche Attraktivität besteht vielmehr darin, dass sie Gleichgesinnte zusammenführen und zu unterschiedlichsten Aktivitäten anregen, vom Nachzeichnen und kreativen „Ausmalen“ der Geschichten in Fanzines bis hin zur Verkörperung beliebter Charaktere im CosPlay (wobei es im Unterschied zu Japan eine gewisse Rolle spielt, ob das Kostüm selbst genäht oder bloß gekauft ist).
Der bei den Fans populäre Manga ist Medium im wahrsten Sinne des Wortes und damit offen für Leser als user. Nicht von ungefähr findet er erst im Internet-Zeitalter grenzüberschreitenden Anklang. So erscheinen die für den Manga typischen Wochen- oder Monatsmagazine, die ihre Leserschaft über Jahrzehnte hinweg durch eine gewissermaßen virtuelle Beteiligung bei der Stange zu halten wussten, wie analoge Vorläufer heutiger Online-Gemeinden. Auch deutsche Verlage haben sich an Periodika versucht, Carlsen zum Beispiel mit BANZAI (2001-2005) und DAISUKI (seit 2003). Aber außerhalb Japans zirkulieren Mangaserien vorrangig in Form des unkolorierten Taschenbuchs, das man selbst auf Deutsch tankôbon nennt, um es vom amerikanischen Comicheft und vom frankobelgischen Album abzuheben. Als Publikationsformat ist es mit seinem zweigleisigen Vertrieb über den Buch- wie den Presseeinzelhandel ebenso hybride wie der content zwischen seinen Buchdeckeln.
Anders als in Korea oder Taiwan mögen deutsche Fans ihren Manga möglichst „japanisch“. Das hält sie allerdings nicht davon ab, koreanische Manwha zur gleichen Kategorie zu zählen. Denn mit „japanisch“ ist vor allem ein Formprinzip gemeint, das vermeintlich Unvereinbares miteinander verschränkt, von christlichen und buddhistischen Motiven bis hin zu Flächigkeit und räumlicher Tiefe. In Übersetzungsausgaben betrifft das auch die Übernahme der japanischen Makro-Leserichtung, also der Rechts-Links-Abfolge von Seiten und Panels, die auf Deutsch in einen Gegensatz zur textsprachlichen Mikroebene gerät. Und schließlich fällt auf, dass viele junge Frauen, die deutschsprachige Manga veröffentlichen, einen kulturell hybriden Hintergrund haben: Judith Park stammt aus Südkorea, Ying Cheng Zhou aus China, und DuO ist ein ukrainisch-polnisches Team.
Übersetzungen japanischer Comics gab es schon lange vor dem Manga-Boom. Nakazawa Keijis Barfuß durch Hiroshima erschien 1982 jedoch als Friedensbuch, und auch Ishinomori Shôtarôs Dokufiction Japan GmbH (1989) wurde als Bildungscomic verlegt. In den 1990er Jahren kamen mit Science-Fiction-Serien von Ôtomo Katsuhiro und Shirow Masamune erstmals grafische Erzählungen heraus, die um ihrer selbst willen als Comics zu lesen waren. Aber viele dieser Importe gelten im deutschsprachigen Raum von heute nicht unbedingt als „Manga“. Tatsächlich wirken sie eher wie Verwandte des amerikanischen Underground oder alternativer westeuropäischer Comics. Man nehme nur die fast zehn Bände eines Taniguchi Jirô, die mittlerweile in deutscher Übersetzung vorliegen. Doch auch Bildergeschichten wie diese sind Manga und vor allem jenen deutschen Lesern zu empfehlen, die sich nicht zu den Fans zählen.
Die strikte Trennung zwischen der Manga- und der traditionellen Comicszene existiert jedenfalls längst nicht mehr. Auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen und den beiden großen deutschen Buchmessen trifft man sich, denn man hat etwas gemeinsam: Enthusiasmus für Comics – egal, ob Manga oder andere.
ist Professorin für Kunst- und Medienwissenschaft an der Manga-Fakultät der Kyoto Seika University, Japan.
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September 2009
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