Pieke Biermann

Violetta (Teil 1)

Sie trat aus der Tür und ging links die Goltzstraße hinauf in Richtung Winterfeldtplatz. Montag ist kein Markttag, und so schlenderte sie schräg über das ganze Rechteck vor der Kirche, das vor ein paar Jahren mit Granitplatten belegt worden war. Mit einer Billig- und Scheußlich-Version allerdings nur aus dem sogenannten Tauentzien-Kunststein, was Marktleute, Anwohner und Stadtplaner bis zuletzt zu verhindern versucht hatten. Als Untergrund für lustvoll klappernde Stöckel- und gut geschmierte Rollschuhe waren die Platten ganz brauchbar. Nicht so erlesen wie der echte Granit um die Nationalgalerie herum, aber brauchbar. Besser als das Bernburger Kleinmosaik, das den Platz früher geziert hatte. Und sehr viel besser als die Asphaltschicht, die der deutsche Amtsschimmel in seinem Wahn, nach jedem Markttag den Platz flächendeckend desinfizieren zu müssen, über die Pflastersteine hatte gießen lassen.
Raaatsch - tak-tak, tak-tak. Die Exakta VX 1000 schlenkerte an ihrer Hüfte. Sie schüttelte den Kopf und fühlte die weichen rotblonden Locken über die Schultern streichen. Sie nahm das Buch, das sie mit beiden Händen vor die Brust gehalten hatte, in die linke und fuhr sich mit der rechten durch die Haare. Die Saubermänner! Hatten sich verrechnet. Wie sie sich immer verrechnen. Weil sie berechenbar sind. Man muß unberechenbar sein! Alle landläufigen Lebensauffassungen des Daseins verneinen. Eine andere Rechtfertigung des Daseins finden! Als die Asphaltdecke im Zuge der militant bekämpften »Verschönerung des Winterfeldtplatzes« wieder hochgerissen wurde, klebten die kleinen Bernburger Pflastersteine daran fest, aber so zart, daß sie sich den Häuserkämpfern geradezu in die Hände legten. Unter dem Asphalt lag - nein, kein Strand. »Antiimperialistische Wurfgeschosse«. Letzte Argumente.
Nichts außer der Ruine vielleicht war mehr davon zu sehen. Die Häuser um den Platz waren luxussaniert. Die übliche Quote italienischer Lebensmittelläden und Edelkneipen hatte sich zwischen Winterfeldt- und Nollendorfplatz ebenso etabliert wie an den Plätzen seitlich der Kudamm-Achse. Und die dazugehörige Menge nicht ganz armer, moderner junger Menschen bevölkerte jetzt die Gegend.

Disketten-SymbolEnglische Übersetzung (PDF, 16 KB) Sprachflagge 

Biermann, Pieke: Violetta / Pieke Biermann. - 2. Aufl. - Berlin : Rotbuch Verl., 1990. - 244 S.
(Rotbuch : Krimi)
ISBN 3-88022-032-8
S. 25/26

Original-Ausgabe Rotbuch 1987, als Goldmann TB 1999, alle vergriffen.

    Quiz zu Dresden

    In diesem Dresden-Quiz wird Ihr Wissen rund um Dresden getestet: die Fragen beziehen sich auf Literatur, die mit Dresden zu tun hat; auf Sehenswertes, Events und Typisches. Viel Spaß!

    litrix.de: German literature online

    Portal zur Vermittlung deutscher Gegenwartsliteratur

    New Books in German

    Neue Titel auf dem deutschen Buchmarkt