Sten Nadolny - Dank ans Zentralchen
"Das war eben der Teltowkanal. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie Berlin für mich war, als ich es noch nicht so gut kannte. Ich habe in der Bleibtreustraße gewohnt, bei einer Stewardeß von der PANAM. Die brachte aus der Maschine immer die kleinen Butterportionen mit, und Salz in Tütchen. Damals begann für mich nördlich der Kantstraße der Norden und südlich des Kudamms der Süden. Die Lernerei war dann hart. Tausende von Straßen, wie ein großes, altes Gehirn. Der Mensch nutzt ja nur fünf Prozent seines Gehirns aus. Mit seiner Stadt macht er es meist genauso.
Berlins Zukunft? Bei politischen Themen bin ich leicht überfragt. Es gibt Kollegen, die wissen alles und erzählen noch mehr. Dazu alles, was der Westdeutsche hören will: Berlin bleibt Berlin, die Mauer ist eine Schande - oder umgekehrt. Man lernt ja heraushören, was erwartet wird. »Volkes Stimme»
Hier rechts ist der böhmische Gottesacker, da liegen die ganzen Böhmen! Krystek, Schudoma, Maresch - die haben hier als erste geackert.
Wenn hier in der Stadt mal jemand was getaugt hat, dann wachsen heute auf seinem Grab Brennesseln, achten sie mal darauf! Zum Beispiel bei Karl Twesten. Aber da kommen wir noch vorbei. Ja, Zukunft! Ich fahre eine Menge Leute, aber was wirklich los ist, höre ich auch nicht. Wenn ich mal einen Politiker habe, dann sagt der nichts. Damals, als es in Bonn um die Ostverträge ging, da habe ich den Wohlrabe von der CDU – kennen Sie den? – ganz eilig zum Flughafen gefahren, von der Schloßstraße nach Tempelhof. Ziemlich nervös war er, ob er die Machine noch kriegt. Ich dachte mir, jetzt könnte ich stur Tempo 50 fahren und dem Klassenfeind eins auswischen. Habe ich aber nicht. Und heute bin ich nicht mehr so links. So versäumt man alles. Hallo, Friedhelm, bist du das hier in der Schönstedtstraße? Rumstehen sieht dir gar nicht ähnlich, du hast wohl keine Lust bei dem Eis? Ich habe eine Fuhre nach Frohnau, dabei wollte ich nach Westend! Mach's gut dann, bis sechs!
Der war vom gleichen Stall. Droschkenbetrieb Elvira Bachmann, wie es auf dem Schild steht. Guter Laden. Ich würde nie für einen anderen fahren. Daimler muß ja nicht sein, ein Ford tut's auch. lch lege mir immer ein Holzbrett hinters Kreuz, das hilft gegen die Bandscheibe. Elvira kommt gut zurecht. Tagsüber fahren die ehemaligen Studenten, und nachts die jetzigen. Im Funk hört man dann Fremdwörter, es erinnert an die Seminare. Aber ich fahre lieber tags, da kann ich abends ins Kino. Elvira hat auch einen Mann, für die gröberen Sachen, die immer mal anfallen.
Auf die Trinkgelder achte ich nicht so, außer wenn es mal sehr viel ist. Vorhin fuhr ich einen uralten Mann, der sagte, er sei mal Bulle am Alex gewesen und kriege jetzt schon 24 Jahre Geld. Der ließ sich dorthin fahren, wo die Frauen sehen konnten, daß er mit der Taxe kam. Als alle guckten, gab er mir einen Fünfer. So was passiert auch.
Es gibt viele Leute, bei denen es zum Beruf gehört, über Berlin zu reden. Wenn man lange genug zuhört, werden sie immer größer und Berlin immer kleiner.
Wie in Rom. Da hat einer auf dem Forum eine Wurstbude betrieben, zwanzig Jahre lang. Schließlich dachte er, die Leute kämen seinetwegen.
Berlin bedeutet etwas in der Geschichte, das weiß man eben. Oder man weiß es nicht. Im Ausland weiß man es. Neulich habe ich eine Französin vom Flughafen Tegel nach Schlachtensee gefahren. Matterhornstraße. Die hat nach Westberlin geheiratet. Wenn der Bewerber aus Düsseldorf oder Hannover gekommen wäre, sagt sie, dann hätte ihre Familie nein gesagt. Berlin sei gerade noch gegangen.
Jetzt sind wir am Südstern, und auf dem Friedhof links liegen viele, nach denen hier die Straßen heißen - Stresemann, Mommsen. Oder der Verleger Großgörschen. Oder Frauen wie Rahel Varnhagen und Henriette Herz. Ich selber wohne draußen in Hakenfelde. Zuhause bin ich aber mehr in Moabit. Da kennen einen die Leute. Da wissen sie von jedem noch, ob er 1954 das erstemal blau war oder ein Jahr später.
Links hinter der Mauer ist das Grab von E.T.W. Hoffmann. Nein, nicht E.T.A.! E.T.W.! Ich habe mir die Aufschrift mal angesehen. Kammergerichtsrat. Das waren noch Juristen!
Weiter hinten ist Karl Twesten begraben, ein Liberaler. General Manteuffel hat ihm einen Arm abgeschossen, ich weiß aber nicht, ob er an dem Arm gestorben ist oder an etwas anderem.
Hoppla, jetzt ist er hinten doch etwas weggegangen! Glatt wie der Teufel ist das!"
Berlins Zukunft? Bei politischen Themen bin ich leicht überfragt. Es gibt Kollegen, die wissen alles und erzählen noch mehr. Dazu alles, was der Westdeutsche hören will: Berlin bleibt Berlin, die Mauer ist eine Schande - oder umgekehrt. Man lernt ja heraushören, was erwartet wird. »Volkes Stimme»
Hier rechts ist der böhmische Gottesacker, da liegen die ganzen Böhmen! Krystek, Schudoma, Maresch - die haben hier als erste geackert.
Wenn hier in der Stadt mal jemand was getaugt hat, dann wachsen heute auf seinem Grab Brennesseln, achten sie mal darauf! Zum Beispiel bei Karl Twesten. Aber da kommen wir noch vorbei. Ja, Zukunft! Ich fahre eine Menge Leute, aber was wirklich los ist, höre ich auch nicht. Wenn ich mal einen Politiker habe, dann sagt der nichts. Damals, als es in Bonn um die Ostverträge ging, da habe ich den Wohlrabe von der CDU – kennen Sie den? – ganz eilig zum Flughafen gefahren, von der Schloßstraße nach Tempelhof. Ziemlich nervös war er, ob er die Machine noch kriegt. Ich dachte mir, jetzt könnte ich stur Tempo 50 fahren und dem Klassenfeind eins auswischen. Habe ich aber nicht. Und heute bin ich nicht mehr so links. So versäumt man alles. Hallo, Friedhelm, bist du das hier in der Schönstedtstraße? Rumstehen sieht dir gar nicht ähnlich, du hast wohl keine Lust bei dem Eis? Ich habe eine Fuhre nach Frohnau, dabei wollte ich nach Westend! Mach's gut dann, bis sechs!
Der war vom gleichen Stall. Droschkenbetrieb Elvira Bachmann, wie es auf dem Schild steht. Guter Laden. Ich würde nie für einen anderen fahren. Daimler muß ja nicht sein, ein Ford tut's auch. lch lege mir immer ein Holzbrett hinters Kreuz, das hilft gegen die Bandscheibe. Elvira kommt gut zurecht. Tagsüber fahren die ehemaligen Studenten, und nachts die jetzigen. Im Funk hört man dann Fremdwörter, es erinnert an die Seminare. Aber ich fahre lieber tags, da kann ich abends ins Kino. Elvira hat auch einen Mann, für die gröberen Sachen, die immer mal anfallen.
Auf die Trinkgelder achte ich nicht so, außer wenn es mal sehr viel ist. Vorhin fuhr ich einen uralten Mann, der sagte, er sei mal Bulle am Alex gewesen und kriege jetzt schon 24 Jahre Geld. Der ließ sich dorthin fahren, wo die Frauen sehen konnten, daß er mit der Taxe kam. Als alle guckten, gab er mir einen Fünfer. So was passiert auch.
Es gibt viele Leute, bei denen es zum Beruf gehört, über Berlin zu reden. Wenn man lange genug zuhört, werden sie immer größer und Berlin immer kleiner.
Wie in Rom. Da hat einer auf dem Forum eine Wurstbude betrieben, zwanzig Jahre lang. Schließlich dachte er, die Leute kämen seinetwegen.
Berlin bedeutet etwas in der Geschichte, das weiß man eben. Oder man weiß es nicht. Im Ausland weiß man es. Neulich habe ich eine Französin vom Flughafen Tegel nach Schlachtensee gefahren. Matterhornstraße. Die hat nach Westberlin geheiratet. Wenn der Bewerber aus Düsseldorf oder Hannover gekommen wäre, sagt sie, dann hätte ihre Familie nein gesagt. Berlin sei gerade noch gegangen.
Jetzt sind wir am Südstern, und auf dem Friedhof links liegen viele, nach denen hier die Straßen heißen - Stresemann, Mommsen. Oder der Verleger Großgörschen. Oder Frauen wie Rahel Varnhagen und Henriette Herz. Ich selber wohne draußen in Hakenfelde. Zuhause bin ich aber mehr in Moabit. Da kennen einen die Leute. Da wissen sie von jedem noch, ob er 1954 das erstemal blau war oder ein Jahr später.
Links hinter der Mauer ist das Grab von E.T.W. Hoffmann. Nein, nicht E.T.A.! E.T.W.! Ich habe mir die Aufschrift mal angesehen. Kammergerichtsrat. Das waren noch Juristen!
Weiter hinten ist Karl Twesten begraben, ein Liberaler. General Manteuffel hat ihm einen Arm abgeschossen, ich weiß aber nicht, ob er an dem Arm gestorben ist oder an etwas anderem.
Hoppla, jetzt ist er hinten doch etwas weggegangen! Glatt wie der Teufel ist das!"
Sten Nadolny: Dank ans Zentralchen.
Aus: Berlin erzählt / ausgew. ... von Uwe Wittstock. - Frankfurt am Main : Fischer Taschenbuch Verl., 1991. - 270 S.
(Fischer-Taschenbuch ; 10925)
ISBN 3-596-10925-6
S. 228 – 230









