Johann-Günther König

Bremen. Literarische Spaziergänge (Teil 3)

Copyright: Günter Graefenhain
Copyright: Günter Graefenhain
Wir folgen nun den Spuren des Schriftstellers und Malers Peter Weiss. In der Ästhetik des Widerstands heißt es: "Da gingen wir... über die Weserbrücke, auf die alte Neustadt zu, an den Pontons unterhalb der Martinikirche Jagen die Dampfschiffe, ein Raddampfer war dabei, die nach Hemelingen und Delmenhorst, zum Hafen und nach Vegesack fuhren. Durch die spitztürmigen Brückentore gehend, an denen die geschwungnen Eisenträger hingen, sahn wir..., auf der Landzunge mitten im Fluß, das jahrhundertealte Viertel, das Herrlichkeit hieß, dessen Schuppen und Speicher sich bis zu den burgartigen Gebäuden des Teerhofs erstreckten, an die sich die Kaiserbrücke schloß, mit ihren mächtigen Bögen. Drüben am schmalen Nebenarm des Flusses waren Kähne vertäut am sandigen Ufer. Ein Brückensteig führte von der Halbinsel hinüber zur hohen, mit Quadersteinen befestigten Böschung, wo vom Deichweg her die Brautstraße abzweigte. Hier verliefen die Schienen der einspurigen Straßenbahn, die während des Kriegs von einem Pferd gezogen wurde, sagte mein Vater, und an der Ecke der Westerstraße lag das Lokal, in dem Ebert, nachdem er das Sattlerhandwerk aufgegeben hatte, Schankwirt gewesen war. Später, sagte er, hieß das Bierlokal Zum Ersten Reichspräsidenten.«

Das alte Bremen der Jahre 1918/19 das Weiss hier beschreibt, hat sich seit den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs - inschließlich der nachfolgenden Modernisierungen - tark gewandelt. Vielerorts sind lediglich die Ortsbezeichnungen geblieben. Am Deich wenden wir uns nach links und kommen zum Papagoyenboom. Am 28. September 1971 sah sich Peter Weiss hier für Recherchen um und notierte in sein Notizbuch: "Bremen. Der erste Weg, wie immer, zur Grünenstraße. Immer vor der Leere stehend, in der sich einmal unser Haus befunden hat. Hin und her auf der Grünenstraße, um irgendetwas wiederzuerkennen. Konnte mich nicht einmal mehr an diese kleine Quergasse erinnern, mit dem Namen Papagoyenboom. Und doch muss hier, an der Ecke, nach den Traumempfindungen von Richtungen, Schulmeister Stahlhut seine Werkstatt gehabt haben.«

Peter Weiss stammte aus einer jüdischen Fabrikantenfamilie. Er kam 1918 mit seinen Eltern als Zweijähriger in die Hansestadt und lebte hier bis zu seinem 14. Lebensjahr zunächst in der Grünenstraße 23, und in die zog es ihn auch im Mai 1957, diesmal mit seinem Bremer Jugendfreund Bertold Merz:
"Da waren noch die Packhäuser«, lesen wir im ersten Band der Notizbücher, »in ihnen wurde Tabak, Baumwolle gelagert, und dort, an der Häschenstraße, lag das Eichamt. Ja, sagte Bertold, das lag damals schon da, die Schieferfabrik aber befand sich davor, und hier hatte ein Glaser seinen Laden, nebenan, hier ist jetzt der offene Hof, hier, sagte Bertold, wohnten wir, ja, ein paar Stufen hinab, in die Kellerwohnung, zwischen unserm und eurem Haus war die Einfahrt zur Fabrik, da war eine niedrige Mauer mit Gitterstangen, dann die Haustür Nr. 23, da wohntet ihr. Ich starrte in die Luft überm Hof des Werkstattgebäudes. Versuchte, mir die kleinen schmalen Gärten vorzustellen, hinter den hochgiebligen Häusern, die Gärten mit dem Gebüsch, den Wäschepfählen, den Lauben, den Zwischenmauern. Über uns, sagte Bertold, wohnte der Buchbinder Cavallin. Neben euch, Nr. 22, wohnte der Lehrer Osterloh, dann, in Nr. 21, der Glasermeister Bachmann. Gegenüber von uns, das ist noch die gleiche Fassade, lag die Seifenfabrik, in Heimarbeit wurden für die Fabrik Kartons angefertigt, wir packten die Seifenstücke in Papier, sagte Bertold, klebten die Papiere zusammen, mein Vater war Maschinist, zeitweise arbeitslos. Er erinnerte sich noch gut an meine Eltern, sie seien immer freundlich zu ihm gewesen, sagte er, hätten ihn beschenkt, zum Geburtstag, und zu Weihnachten. Und ich sah vor mir die Küche bei ihm zu Hause, sah seinen Vater mit der Zeitung sitzen -in einer grünen Küche ... Wir wanderten noch einmal zurück, die Grünenstraße hinauf, ich muss doch versuchen, etwas wiederzuerkennen, die Brauereien, Kaiser Brauerei, Becks Bier, es waren noch die gleichen Ziegelbauten, ja, hier waren wir oft entlanggelaufen, ja, wir nannten die Straße nicht Häschenstraße, sondern Häs-chenstraße, wie nach einem kleinen Hasen aber es konnte alles sein wie in einer Stadt, die ich überhaupt nicht kannte.«

1922 zog Familie Weiss in eine Villa in der Marcusallee 45 um, ab 1926 lebten sie in einem Mietshaus Außer der Schleifmühle 27. 1929 war die Bremer Zeit von Peter Weiss um. Zusammen mit den Eltern und Geschwistern - darunter sein Bruder Alexander, der 1924 in Bremen zur Welt gekommen war und später ebenfalls als Schriftsteller bekannt wurde - ging es nach Berlin. 1934 emigrierte die Familie über London nach Prag und von da 1939 nach Schweden. 1945 wurde Peter Weiss schwedischer Staatsbürger und publizierte auch zunächst in schwedischer Sprache. Seine erste deutsche Veröffentlichung erschien 1960: Der Schatten des Körpers des Kutschers. In seinem letzten Lebensjahrzehnt entwickelte und schrieb er auf deutsch die Ästhetik des Widerstands.

Peter Weiss' Beziehungen zur Stadt seiner Kindheit schlagen sich zum einen in seinen autobiografischen Texten: Abschied von den Eltern, Fluchtpunkt sowie in den Notiz bichern nieder und bilden zum anderen den Hintergrund für viele Passagen in der Ästhetik des Widerstands. In dem dreibändigen Werk geht es natürlich keinesfalls um eine reine Heimaterkundung; auch ist es kein autobiografischer Roman.
König, Johann-Günther: Bremen : Literarische Spaziergänge / Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2000, 262 S.
ISBN 3-458-34321-0
S. 138 - 141

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