Johann-Günther König - Bremen. Literarische Spaziergänge (no English translation available due to copyright restrictions)
»Hier gelt ich nix, und würde gern was gelten, denn diese Stadt ist echt, und echt ist selten...«, dichtete der unvergessene Joachim Ringelnatz. Wer - anders als die weltberühmten Bremer Stadtmusikanten, die nie bremischen Boden betraten - die mehr als tausend Jahre alte Freie Hansestadt tatsächlich erreicht, wird vielleicht genau wie Ringelnatz empfinden. »Es gibt eine Stadt Bremen - im Atlas aufzuschlagen: Hansestadt an der Waterkant, genauer: an der Weser, 75 km vor dem Meer gelegen«, notiert Christa Reinig und fährt fort: »Es gibt ein zweites Bremen - aus dem Geschichtsbuch: Im Jahr 965 Verleihung der Marktgerechtigkeit und als Zeichen dafür ein hölzerner Roland auf dem Markt. Dieser hölzerne Roland umgehackt auf Befehl des Erzbischofs; ein neuer Roland errichtet aus Stein, und auf seinem Schild der Satz >Vryheit do ick ju openbar<. Das Wappen des Erzbischofs wurde Wappen einer freien Stadt; Schlüsselgewalt des Feudalherrn ist nun >Schlüssel zur Welt<.«
Und dann wartet die preisgekrönte Autorin mit einer Frage auf, die ein drittes, ein übersinnliches Bremen in den Raum stellt: »Was zieht die vier stimmgewaltigen Gesellen Esel, Katze, Hund und Hahn, die doch >utlanners< aus dem Binnenland sind, ausgerechnet nach Bremen? Vielleicht wirft diese Stadt einen Schatten, der nicht mit ihrem realen Profil übereinstimmt, und vielleicht kann das nur der Fremde erspüren, dem der Alltag der Stadt gar nicht vertraut ist.«
Ein Autor des 18. Jahrhunderts erspürte genau das, worauf Christa Reinig hier anspielt. Die Rede ist von Karl Philipp Moritz, und in seinem psychologischen, weitgehend autobiografischen, Roman Anton Reiser heißt es: »Bremen liegt zwölf Meilen von H., und bis an den Ort, wo Reisers Eltern wohnten, war grade die Hälfte Weges bis nach Bremen- und nun von Bremen die Weser hinunter bis nach der See zu fahren - das war das große Projekt, womit sich Reiser schon seit einigen Wochen trug - und seine Einbildungskraft spiegelte ihm Wunderdinge von dieser Reise vor. Der Anblick der Weser - der Schiffe -einer Handelsstadt -beschäftigte seine Seele im Wachen und im Traume.«
Karl Philipp Moritz alias Anton Reiser erreichte die Hansestadt an einem Wochentag des Jahres 1776. Hier erfüllte sich sein »sehnlichster Wunsch«, »er erblickte die Türme von Bremen - sahe nun das wirklich vor sich, womit seine Phantasie sich schon so lange beschäftigt hatte. - Er hatte außer H. und B. noch keine beträchtliche Stadt gesehen und Bremen war ihm schon durch den Klang des Namens so merkwürdig geworden - seine Phantasie hatte der Stadt ein graues schwärzliches Ansehen gegeben - er war nun äußerst begierig, die Stadt inwendig zu betrachten, und wagte es, ohne Paß ins Tor zu gehen, indem er sich auf Befragen, wer er wäre, für einen Einwohner der Stadt ... ausgab.«
König, Johann-Günther: Bremen : Literarische Spaziergänge,
Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2000
ISBN 3-458-34321-0
S. 9 - 10
ISBN 3-458-34321-0
S. 9 - 10









