Heinz Czechowski

Landschaft der Kindheit: Wilder Mann (Teil 2)

© Grupello Verlag
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Landschaft zwischen Auguren und Lemuren.
In der Linie 11, die zum Weißen Hirsch fährt, erinnern sich zwei sehr alte Herren von Adel daran, daß sie einmal im gleichen Regiment gedient haben. Alte Damen beklagen sich über ausgebliebene Westpakete. Altere Fräulein legen Kränze in der Krypta der Hofkirche nieder, in der der letzte regierende Wettiner August, der Anno 18 so wenig königlich mit den Worten »Macht euern Dreck alleene« abgedankt haben soll, beigesetzt ist.
Der Mann, der einstmals dafür sorgte, daß Dresden eine der besten Straßenbahnen Deutschlands hatte, eben diese Hechtwagen der Linie 11, noch heute beachtliche Bergkletterer den steilen Hirschberg hinauf, soll sich nach Stuttgart abgesetzt haben. Klassenkampf an der Peripherie?
Die Schatten der Vergangenheit, dem Neunzehnjährigen noch nicht sichtbar, liegen über der Stadt, mischen sich mit dem flüchtigen Schleier, den das Licht übers Elbtal breitet. Schatten der Vergangenheit — nicht nur jenes Haus St. Remo am Weißen Hirsch, aus dem ein amerikanischer Agent drahtlos den Bombenangriff auf die Stadt geleitet haben soll. Immerhin, die Stadt beginnt, sich wieder auf sich selbst zu besinnen. Am Altmarkt fallen die ersten Gerüste der Neubauten, unsicher tastendes erstes Ausprobieren einer Synthese zwischen Alt und Neu, zwischen Hofarchitektur und Arbeiterklasse — Neoneubarock, Portale und Gesimse wie an sächsischen Schlössern, ein Dachreiter der an das Altstädter Rathaus, das einstmals hier stand, erinnert.
Keine Germania mehr; nur die Bedürfnisanstalt unterm Pflaster des Altmarkts, dem gleichen, auf dem der Leichenstapel zur endgültigen Verbrennung mittels Benzin und Flammenwerfern aufgeschichtet war, besitzt noch das eiserne Geländer, das jenen Gründerjahrestil verrat, in dem die bebrünnte und beharnischte Dame erschaffen war.
Der Zwinger erhält unter den Händen einer Handvoll fleißiger Steinmetzen seine Gestalt wieder. Auf dem Kronentor recken sich bald wieder die Schlangenhälse des doppelköpfigen polnischen Adlers.
Im Großen Haus des Staatstheaters dirigiert Lovro von Matacic Hasse. Auf den Steinstufen des Saals im Hygienemuseum sitzen wir für eine Mark Eintritt und hören Šmetana und Strawinski.
Die Gemäldegalerie wird wiedereröffnet. Vor den Eingängen stauen sich die Menschen. In den Ausstellungen der Zeitgenossen dominiert der gepflegte Dresdner Malstil: Landschaften in Grün und Blau, weiß segelnde Wolken, Weinberghäuser bei Loschwitz und Meißen, daneben Kretzschmars Trümmerlandschaften und Grundigs Porträt eines Verschollenen.

*

Dresden — Landschaft der Kindheit?
Wir sind hinübergewachsen aus jener Zeit, haben studiert, uns angesiedelt in anderen Städten, Familien gegründet.
Was die Erinnerung reflektiert, will sich uns schon nicht mehr zum Kaleidoskop zusammenfügen, bleibt Teil eines Mosaiks, nicht allzu farbig, viel Grau, trotz der blauen Sommernächte im Loschwitzer Körnergarten oder beim Jazz auf dem anderen Elbufer in Blasewitz.

*

An einem Sommertag sind wir zurückgekehrt.
Am Neustädter Bahnhof können wir uns entscheiden. Hier hat sich nichts verändert, nicht einmal die Ziffern auf den neuen Straßenbahnen, frisches Gelb aus Gotha oder importiert aus der ČSSR. Die 9 und 16 fahren von hier zum Wilden Mann wie eh und je. Die Großenhainer Straße, baumlos, zeigt die Fassaden der Fabriken: das Schreibmaschinenwerk hat sich auf Elektronik umgestellt, die Schriftgußfabrik, ehemals Gebrüder Butter, ist gerade 20 Jahre volkseigen. Am Fuhrgeschäft Hugo Hirsch blickt ein einsames Pferd traurig der fahrenden Bahn nach. Am Großenhainer Platz überquert die Bahnlinie Dresden — Leipzig, eine der ältesten Deutschlands, die Straße. Die Strecke wird elektrifiziert, die Masten stehen schon.
Hat man das Glück, einen Platz auf dem Vorderperron gleich hinter dem Fahrer bekommen zu haben, so kann man die bewaldeten Hänge am Wilden Mann sehen.
Wir haben uns entschieden, uns nicht der Bahn anzuvertrauen, sondern gehen zu Fuß in Richtung Platz der Einheit, biegen in eine Nebenstraße und finden uns auf der Rähnitzgasse wieder. Wie durch ein Wunder ist hier, abseits von Autos und Bahnen, eine der alten Dresdner Barockgassen erhalten geblieben. Die Denkmalspflege hat das Ihrige getan. Eine Prager Bierstube zeigt an, daß hier nicht nur Pilsner und Staropramen getrunken, sondern auch Tschechisch gesprochen werden kann.
Die Touristen aus Prag, Litomerice oder Pardubiče kehren hier freilich nicht ein, sondern überschwemmen die Brühlsche Terrasse, dringen in die Kaufhäuser und Geschäfte am Altmarkt oder auf der Thälmannstraße, wittern des Bruderlands höheren Lebensstandard in Gestalt von Dederonwäsche und Plastikartikeln, gehen eilig an Rembrandt und Rubens vorbei, verweilen vor Raffaels Madonna (viele sind katholisch), drängen sich zum Bockwurststand am Italienischen Dörfchen.
Vergeblich sucht die Erinnerung jene Bilder des auto- und menschenleeren Theaterplatzes, der Brühlschen Terrasse, auf der man inmitten des Trümmerpanoramas nur einigen bärtigen Kunststudenten und ihren pferdeschwänzigen Schwestern begegnete. Dresden hat sich verändert, fügt sich ins Zeitalter des Tourismus, will Prag, Warschau, Budapest nicht nachstehen an Attraktivität. (…)

(…) Jetzt ist auch hier nicht nur Gras gewachsen, sondern es stehen hier nun Häuser, schmuck- und phantasielos.
Vom Turm der katholischen Kirche bietet die Altstadt hinter der Brühlschen Terrasse rings um die Frauenkirchenruine noch immer ein Bild dunkler Zerklüftung. Sandstein, von Feuer und Wetter zerspellt und verwittert.
Mag das alte Dresden auch nicht durchweg auf Sand gebaut gewesen sein — mit Sandstein war es durchweg erbaut. Bastionen, Wälle, Bürgerhäuser, Paläste und Kirchen: Der Elbsandstein, mit Lastkähnen aus den Brüchen von Postelwitz und Cotta elbabwärts bis dicht an die Bauplatze transportiert, geschmeidig und leicht zu bearbeiten, freilich auch anfälliger den Wettern als andres Gestein, hat nicht wenig dazu beigetragen, dem Dresdner Barock seinen Glanz zu geben.
Nicht nur, daß das, was in Dresden an Gebäuden Namen und Rang hatte, aus Sandstein gefügt war: Pöppelmanns Zwinger, Permosers Putten, Chiaveris steinerne Heiterkeit, des Ratszimmermanns Bähr Frauenkirche, mit Quark und Eiern zusammengefügt zu dem, was Dresdens Silhouette ausmachte — auch die Tafelaufsätze und Schmuckstücke, die Augusts des Starken Hofjuwelier Dinglinger aus goldnem und silbernem Blech trieb, wären undenkbar ohne die Formen, die sich aus Sandstein unter den Händen geschickter Männer herausbildeten.
Heute ist das weißlichgelbe Mineral seltener geworden. Neu-Dresdens erster Bauperiode noch angemessen, den Altmarktbauten zum Beispiel, hat es sich nun von Ziegelsplitt oder industriell vorgefertigten Betonteilen verdrängen lassen. Denn Dresden bemüht sich nun, nach einigen hybriden Zwischenstadien, um ein zeitgemäß sachliches Gesicht. Schmucklos. Unpathetisch.
Neben zehngeschossigen Wohnhochhäusern am Hauptbahnhof Wohn- und Geschäftstrakte auf der Prager Straße. Typenhäuser, schnell hingestellt, mit einem Anflug von Farbe, die auszubleichen beginnt, charakterlos, Giebeldächer, die sich nicht recht zwischen Beton und Barock wohlfühlen können.
Noch immer beherrschen aber die Türme die Stadt zwischen Kreuz- und Hofkirche, Altmarkt und Thälmannstraße, wo hinter dem wiederaufgebauten Gewandhaus den Architekten ein Stück dresdnisch anmutender Intimität gelungen ist: Ladenstraßen, abseits vom Verkehr, eine Milchbar mit bunten Gartenschirmen, der Gänsemännchenbrunnen, kein Kleinod europäischer Kunst, aus einem zerstörten Stadtteil hierher verpflanzt, der sein Wasser murmeln läßt zur Freude der Kinder und Erwachsenen.
Nur um die Ruine der Frauenkirche herrscht noch Kahlschlag. Rampische Gasse und Salzgasse: keine Barockfassaden mehr, Birken und Steinbrech im Hof des Coselschen Palais. Rotweiß gestrichene Eisengeländer um die Ruine der Frauenkirche: Betreten verboten! Einsturzgefahr! Eltern haften für ihre Kinder!

*

Wir aber wenden uns ab, gehen am Fürstenzug vorbei, besteigen die 7 in Richtung Platz der Einheit und fahren schließlich mit der 16 zurück zum Wilden Mann.
Hier draußen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Man begegnet noch immer den gleichen Gesichtern: dem Hausarzt, einem alten Lehrer, einem Kammervirtuosen der Staatskapelle a. D. Die Zeit schafft sich einen prägnanten Punkt, zu dem das Bewußtsein zurückkehren kann. Landschaft der Kindheit. Hier draußen sagte man schon immer: Ich fahre in die Stadt. Wir fahren in die Stadt. Wie ein abgesplitterter Teil des Ganzen steht die Landschaft der Kindheit für sich. Vorortsbewußtsein. Peripheriegefühle. Die Enkel spielen in den Gärten der Großväter. Dahlien blühen. Die Schule auf der Aachener Straße steht grauumwittert hinter den Lärchen und Pappeln des Schulgartens. Nur die Eisbahn auf der Aachener Straße gibt es nicht mehr. Vom Garten des Restaurants »Bergwirtschaft« scheint am Abend die Stadt fern, gelassen, unbeschädigt. Die Elbe durchfließt das Tal in sanftem Bogen. Die Straßen haben ihre Laternen angezündet. Perlenketten, wenn dieses Bild noch einmal gestattet ist. Rathausturm und Hofkirche werden von Scheinwerfern angestrahlt. Von der Kuppel der Frauenkirche ist nichts zu sehen, so, als habe es sie nie gegeben. Die neuen Hochhäuser kommen nicht auf gegen den Hintergrund der Hügel von Loschwitz und Rähnitz. Nur der Fernsehturm auf der Wachwitzer Höhe konkurriert mit seinen Lichtern gegen den Abendstern in einem herbstlichen Himmel, an dem eine Ahnung von Süden und Schneeluft heraufzieht.

Landschaft der Kindheit: Wilder Mann - S. 7-23
Aus: Heinz Czechowski: Der Garten meines Vaters : Landschaften und Orte ; Schriften 2 / Heinz Czechowski. – 1. Aufl. – Düsseldorf : Grupello Verl., 2003
ISBN 3-933749-96-4
S. 18-23

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