Durs Grünbein

Durs Grünbein: Europa nach dem letzten Regen

V

Und nachts die stille deutsche Stadt,
In die man einfuhr mit dem Zug vom Norden,
Setzte mit jeder Straßenlampe neue Fragezeichen

Und hinter jeden Satz den Punkt, - mit wieviel Watt?
"Was ist aus Xanadu nach Kublai Khan geworden"
"Wer sind die Leute, die dort mausgrau schleichen?"

Islamabad im Elbtal . . . Eine Phantasie-Moschee
Erhob sich dort und rief die Hörigen zum Fasten,
Vom Schlachthoftürmchen bis zum Großen Garten.

Doch schon am Bahnhof hörte man das erste "Nee."
Und sah Giraffenhälse, lange Flutlichtmastern,
Die leicht geneigt sich um ein Fußballstadion scharten.

Das Blaue Wunder hieß flußaufwärts eine Brücke,
Die einem nichts erklärte. Immerhin, sie stand
Gußeisern, nützlich in der Nachkriegsdschungelstadt.

An den entblößten Ufern, braun in Einzelstücken,
Stieß man auf wuchtigen Barock. Wer wollte, fand
Im kalten Mondlicht hier sein Angkor Vat.

IX

Dresden, die Restestadt . . . ein Hinterhalt
Für Engel, die der Krieg hier internierte
Vorm Rückflug. Unter Sandstein und Basalt
Sind sie begraben worden. Zirkustiere

Waren die letzten, die sie fliehen sahn ins Feuer.
Ein Pferd, das rechnen konnte, und der Tiger,
Den William Blake rief. Keins ein Ungeheuer,
Verglichen mit den smarten Jungs, den Fliegern,

Die sich im Tiefflug Mensch und Bestie holten.
Ihr Kunststück brachte kein Trapez, kein Netz
Hoch über der Manege. Die verkohlten
Apostel auf den Dächern stehn entsetzt.

X

"Nach einer Sekunde schon war sie stundenlang fort."
- Proust / Unterwegs zu Swann

Stadt im Flockenwirbel vor beschlagener Brille –
Bei der ersten Heimkehr ging sie unbemerkt verloren.
Nur in Weihnachtsliedern gab es solche Stille
Wie in dieser Nacht am Bahnhofplatz. Mit roten Ohren
Stand ein Milchgesicht im Schnee, und das warst du,
Dank des Urlaubsscheins auf freiem Fuß. Die Uniform
Ließ nur kleine Sprünge zu. Doch für ein Känguruh
War bei Minusgraden die Geduld enorm.

Keiner kam, dich abzuholen. In der eignen Stadt
War man endlich fremd. Das Leben hinter den Gardinen,
Die Burleske, bis der letzte sagt, Jetzt bin ich satt . . .,
Sah vom Stehplatz aus wie große Pantomime.
Niemals wieder hätte man soviel gegeben,
Wenn die Schöne in der Straßenbahn, befehlsgewohnt,
Nur gelächelt hätte. Sah man doch, Familienleben
Ging auch weiter ohne den verlorenen Sohn.

"V", "IX", and "X" from "Europe After the Last Rains" from ASHES FOR BREAKFAST by Durs Grunbein, translated by Michael Hofmann.  Translation copyright © 2005 by Michael Hofmann.
Reprinted by permission of Farrar, Straus and Giroux, LLC.

Original poem from Durs Grünbein, NACH DEN SATIREN, copyright © Suhrkamp 1999

CAUTION: Users are warned that this work is protected under copyright laws and downloading it is strictly prohibited.  The right to reproduce or transfer the work via any medium must be secured with Farrar, Straus and Giroux, LLC.

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