Der Schlaf in den Uhren (Teil 1)
Manchmal hör ich sie fließen unaufhaltsam.
Manchmal steh ich auf, mitten in der Nacht,
und laß die Uhren alle stehen
– Rosenkavalier: Monolog der Marschallin, mir ist, als ob ich sie hörte, die Stimmen, die Musik, Erinnerung
– aber die Uhren schlugen, Muriel, kannst du mich hören, dort, wo du jetzt bist, ich sehe dich, eingekapselt von Apparaten, die dich und deine Träume retten sollten, Träume, um die es im Grunde immer geht, erinnerst du dich, wie die Straßenbahn in den Schienen schlenkerte und Funken stoben, wenn sie, von der Haltestelle Leipziger Straße kommend, vor dem Bahnhof Neustadt um die Ecke bog, die rotweiß gestrichene tschechische »Tatra«-Bahn mit den Haltestellenschildern aus Pappe, wie sie gegen die Fenster schlugen, und die Heimkehrenden darunter waren in ihre Zeitungen oder Bücher oder Gedanken versunken, während vorn, in der Fahrerkanzel, das Mikrofon knackte und die horizontal angebrachten Zeiger der Volt- und Ampèremeter auf- und niederschaukelten, der Geschwindigkeitszeiger (Formelzeichen v) funktionierte meist nicht, wenn der Fahrer, die Hände auf einen Querbügel gelegt, das blankpolierte Pedal trat, mit dem er Strom, nicht Gas, gab, und das breit wie ein Biberschwanz war; hin und wieder drehte er am gelb eingekreisten schwarzen Hebel, stellte auf »Fahrgastbedienung«, so daß die Aussteigenden den Knopf an der Haltestange vor den Stufen zur Klapptür drücken und sich selbst hinauslassen konnten, am Platz der Einheit, der wie eine riesige Karieshöhle lag; die Menschen schlugen ihre Kragen auf gegen den wehenden Schnee und verschwanden in der Alaunstraße oder Richtung Otto-Buchwitz-Straße, ein Sog von aschdunklen Mänteln, reifbedeckten Hüten, das einzige Licht noch im Geschäft für Papier und Füllfederhalter Maetzig? Maetzke? ich weiß nicht mehr genau, ob es wirklich so hieß, nur daran, daß es mit M begann und wohl den Umlaut ae hatte, glaube ich mich erinnern zu können; manchmal der Geruch vom VEB Elbe-Chemie, vielleicht kippten sie dann einen schmauchenden Bottich voller Reinigungslauge in Abfüllbehälter oder hatten einen Hebel an einem vom Flugrost befallenen Zylinder gedrückt, aus dem die Zahnpastaration eines ganzen Monats in die roten »Putzi«-Tuben quoll, ein rohrdicker Strang Kinderzahncreme, der in Makkaronihaare auffächerte, genug für ganz Vineta, als das mir Dresden, die Stadt, in der ich Kind war, vorkommt unter den Sturzbächen und dem Dünenschutt der Stunden; die Bahntüren schlossen sich mit einem von Gummis abgebremsten Heuschreckenbeinstrecken, und ich nahm Bilder mit und Stimmen: Alaun, würde Vater uns erklären, meiner Schwester Muriel und mir, Chromalaun, Kalialaun, Ammoniakalaun, würde von Papiermühlen erzählen, wo Alaun zum Leimen des Papiers verwendet wurde, vom Salmiakgeist, der die Häuser in der Neustadt mit Harnsalzschorf überzog; die Bahn gewann an Fahrt. (...)
Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren : Roman (Auszug)
Den ganzen Auszug können Sie auf der Internetseite des Ingeborg-Bachmann-Preises lesen:









