Matthias Altenburg

Ein allzu schönes Mädchen (Skyline)

Marthaler ging in die Küche, füllte die Cafetiere mit Wasser und stellte sie auf den Herd. Noch im Schlafanzug stieg er die zwei Stockwerke hinunter und holte sich die Zeitung. Wieder in der Wohnung, setzte er sich an den Küchentisch und überflog die Nachrichten des Tages. Sir Alec Guinness war gestorben. Im US-Bundesstaat Oregon hatte man einen unterirdischen Riesenpilz entdeckt, der viermal so groß war wie die Insel Helgoland. In Brandenburg war schon wieder ein Schwarzer von Neonazis zusammengeschlagen worden. Die Unternehmerverbände beklagten den Rechtsradikalismus als Standortnachteil für die deutsche Wirtschaft. Und in wenigen Stunden würde der amerikanische Präsident mit dem deutschen Bundeskanzler in Frankfurt zusammentreffen.

Er hörte das Brodeln der Cafetiere, schaltete die Herdplatte ab, schenkte sich einen dreifachen Espresso ein, gab zwei gehäufte Teelöffel Zucker hinzu, legte beide Hände um die Tasse und stellte sich wieder ans Fenster, um in den grauen, leeren Himmel zu starren. Er war vierzig Jahre alt, er war seit zweieinhalb Jahren Hauptkommissar, er hatte keine Frau, kein Kind und kein Haus. Er war nicht glücklich, aber auch nicht unglücklich. Sein Gehalt war nicht übermäßig hoch, und doch verdiente er mehr Geld, als er ausgeben konnte. Teure Kleidung interessierte ihn so wenig wie große Autos. Seit sein alter Golf vor ein paar Wochen verschrottet werden musste, hatte er sich vorgenommen, ohne Wagen auszukommen. Nur beim Essen war er wählerisch. Von Zeit zu Zeit gönnte er sich den Besuch in einem guten Restaurant, sein Fleisch kaufte er beim besten Metzger der Stadt, und wenn er Salat, Gemüse oder frische Kräuter brauchte, ging er in die Kleinmarkthalle. Er wusste, dass es viele in dieser Stadt gab, die gerne mit ihm getauscht hätten. Er hätte allen Grund gehabt, zufrieden zu sein. Aber er war neidisch, wenn er samstagvormittags ein schlecht gekleidetes, aber lachendes Paar mit seinen Kindern an der Bratwurstbude stehen sah. Er lebte ein Leben, das er sich so nicht vorgestellt hatte. Und er glaubte nicht, dass sich daran noch einmal etwas ändern würde.

[...] Er ging am Spiegel vorbei, streckte seinem Bild die Zunge heraus, zog sich aus und stellte sich unter die Dusche. Als er zehn Minuten später das Wasser abdrehte, läutete das Telefon. Er ließ es läuten. Es gab niemanden, der ihm um diese Zeit etwas Angenehmes mitzuteilen hätte. Er zog sich an und verließ die Wohnung. Er wollte laufen.

Der Regen hatte aufgehört. Jetzt war es warm; der Asphalt dampfte. An den Haltestellen der Straßenbahn standen erst wenige Leute. Sie schauten unter sich und gähnten. In der hell erleuchteten Bäckerei tranken Frühaufsteher ihren Kaffee und blätterten in der Zeitung. An den großen Fenstern bildete das Kondenswasser dicke Tropfen. Marthaler blieb stehen und sah in den Himmel, wo die Sonne gerade über den Dächern aufging. Er kniff die Augen zusammen, dann blickte er auf die Uhr. Er beschloss, noch ein wenig am Main spazieren zu gehen. Auf der Höhe des Städelschen Museums setzte er sich auf eine Bank und sah zum anderen Ufer, wo sich die Skyline erhob. Er mochte diesen Blick auf die Stadt, wie er die Stadt überhaupt mochte, mit den hohen Häusern der Banken, dem Messeturm, dem Dom, dem Römerberg und der Alten Oper. Er mochte sie schon deshalb, weil es so viele gab, die sie verabscheuten, ohne sie wirklich zu kennen. Er hatte sich vom ersten Tag an hier wohl gefühlt, soweit er damals in der Lage gewesen war, sich wohl zu fühlen. Und er verstand seine Kollegen nicht, von denen viele es vorgezogen hatten, sich in der Umgebung in einer hässlichen Neubausiedlung ein Fertighaus zu bauen, und die nur zum Dienst und zum Einkaufen nach Frankfurt fuhren, um dann so rasch wie möglich in ihre Siedlungen zurückzukehren.

Marthaler lief den Fußweg am Mainufer zurück, bog ab in die Schweizer Straße, wo sich jetzt Auto an Auto reihte und wo die Berufstätigen auf ihrem Weg zur Arbeit über die Bürgersteige hasteten. Gleich am Anfang der Diesterwegstraße ging er durch einen kleinen Torbogen, durchquerte den Hinterhof und stand vor dem Eingang des «Lesecafes». Weil sein Stammcafe eigentlich erst in einer halben Stunde öffnen würde, klopfte er wie üblich an die Scheibe der Tür. Eine junge Frau, die er noch nie gesehen hatte und die gerade damit beschäftigt war, die Stühle von den Tischen zu nehmen, hob den Kopf. Sie kam zur Tür, drehte den Schlüssel und sagte: «Wir haben noch geschlossen.» «Ja», erwiderte Marthaler, und er war ein bisschen ratlos. «Ich weiß, aber Ihre Kollegin lässt mich auch um diese Zeit schon rein.»

Die junge Frau sah ihn einen Moment lang an, dann lächelte sie und sagte: «Wenn das so ist, o.k.» Marthaler streckte ihr die Hand entgegen, eine Geste, die ihm gleich darauf viel zu vertraulich und auch ein bisschen altmodisch vorkam, und sagte: «Guten Morgen, ich heiße Robert.» «Ja, na dann», erwiderte sie ein wenig verlegen, «ich bin Tereza.»

Seghers, Jan :
Ein allzu schönes Mädchen / Jan Seghers
(Pseudonym von Matthias Altenburg)
Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 2005. – 478 S.
(rororo ; 23624)

ISBN 3-499-23624-9
S. 49-50

Wunderlich Verlag, Copyright © 2004 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

    Quiz zu Dresden

    In diesem Dresden-Quiz wird Ihr Wissen rund um Dresden getestet: die Fragen beziehen sich auf Literatur, die mit Dresden zu tun hat; auf Sehenswertes, Events und Typisches. Viel Spaß!

    litrix.de: German literature online

    Portal zur Vermittlung deutscher Gegenwartsliteratur

    New Books in German

    Neue Titel auf dem deutschen Buchmarkt