Übers Eis (Frankfurter Zeit)

Um dreizehn Uhr fünfzehn, viertel nach eins. Keine Uhr mit! Am sichersten vor dem Seiteneingang. Immer fünf Schritte hin und her, sich nicht ablenken lassen und zwischendurch jedesmal kurz auf die Uhr da vorn am Theaterplatz. Eine amtliche Uhr. Es ist doch eine amtliche Uhr oder nicht? Zeigt in alle vier Richtungen. Einheitlich. Und zur Sicherheit jeden Passanten auch nach der Uhrzeit. Wenigstens alle, die einen zuverlässigen Eindruck. Mitteleuropa. Normalzeit. Außerdem hierherum noch mindestens drei Reklameuhren, drei oder vier. Auch Digitaluhren, sogar auch mit Datum und Temperatur. Vielleicht hat er Fieber, doch will sich nicht ablenken lassen. Dann aber doch bei Mercedes die Autos und Preise. Im Fenster die neuen Modelle. Und bis vor den Frankfurter Hof spaziert, ein Frankfurter Fußgänger. Noch nicht einmal fünf Minuten. Probeweise ein paarmal zwischen Theater und Frankfurter Hof hin und her (immer die gleiche Entfernung und der Seiteneingang auch unverändert), dann vom Frankfurter Hof aus Schritt für Schritt. Ein Entdecker. Expeditionen. Kaiserstraße, Roßmarkt, Hauptwache, Steinweg, Goethestraße, Opernplatz, Freßgass. Christbaumhändler. Die Weihnachtsbeleuchtung. Juweliere, Damenwäsche, Herrenausstatter und wie der Tag sich hier in den Schaufenstern spiegelt. Cerutti, Brioni, Armani. Modellanzüge für dreitausendachthundert Mark. Maß anfertigung, Preise auf Anfrage. Seide, Cashmere, Mohair. Feinste ägyptische Baumwolle. Seidenhemden nach Maß. Handgenäht die Schuhe aus feinstem Ziegenleder und unermüdlich. Lederkoffer für alle Länder. Und die Uhren und wie sie alle verträumt mir entgegen und haben mit ihren Zifferblättern gelächelt. Der Gehsteig, der Himmel, die vielen Gesichter. Beinah wie früher in der Vorweihnachtszeit die Lollarer Hauptstraße in Lollar, so kommen die Straßen dir jetzt entgegen und gehen dir in den Kopf hinein und immerfort durch dich hindurch. Mittags in der Innenstadt. Die schönsten Frauen auf Schritt und Tritt. Und sehen sich in den Schaufenstern gehen. Und spiegeln sich in jedem Männerblick. Und riechen so gut! Jede schmeckt anders! Sie sehen, erkennen, ansehen, spüren und kosten, als ob du sie fortan in dir sollst tragen! Alle! Am liebsten sie gar nicht mehr aus den Augen verlieren! Aber entfernen sich! In alle Richtungen hin! Wie soll man sie bei sich und im Gedächtnis? Unverwechselbar, jede für sich und alle zusammen, für immer, wie geht das? Wie soll man das aushalten? Eine, die sich vor einem Schuhgeschäft bückt. Stiefel im Sonderangebot. Und hat eine kurze Pelzjacke und hat einen engen Rock an. Zweimal muß sie sich bücken! Eine an dir vorbei, hat dich überholt und zu deiner Freude jetzt vor dir her. Und wie ergreifend sie geht. Ihr Haar, ihr Parfüm, ihre Hände. Sogar ihre Handtasche und ihren Mantel beziehst du in deine Liebe mit ein. Und jetzt hat sie gerade im rechten Moment den Kopf ein bißchen nach links, damit du nur ja auch ihr Profil, unbedingt! Und es mitnimmst in die Unendlichkeit. Zehn vor eins. Unterwegs in den Himmel. Die Buchhandlung Kohl, die Buchhandlung Blazek und Bergmann, die Frankfurter Bücherstube. Nie, nicht ein einziges Mal mit Sibylle in den teuren Modeläden hier in der Goethestraße gewesen! Aber jetzt war es fast so, als hätten wir das noch vor uns und Zeit für alles. Nächstes Mal. Viele Leben. Und wo denn hindenken in Gedanken? Champagner und Trüffelöl in der Freßgass und Hummer auf Eis. Fisch und Wild auf Bestellung. Überall Uhren. Die Zeit vergleichen. Den Rückweg finden mit all den Schätzen im Kopf. Längst steinreich auf dem Rückweg. Leicht und behend das angeschlagene Knie. Jetzt die Hand wie zum besseren Nachdenken nur, jetzt tut die Hand dir schon fast gar nicht mehr weh. Noch nie hat der Frankfurter Hof mich so höflich gegrüßt. Sogar Fahnen. Sogar Blumenkübel bei den Arkaden. Der Brunnen ein sanftes Geplätscher. Einmal einen ganzen Harem mit kostbarer Unterwäsche versorgen, ein Ballett und ein Sekretariat. Schnell noch zwei-drei Mercedes-Modelle. Da hält ein Rolls Royce vor der Ampel und auf allen Uhren ist es dreizehn Uhr neun. Leicht dein Herz. Sogar in seiner Düsternis noch anheimelnd und voller Hoffnung der Tag. Und hat seinen eigenen inneren Glanz, ein verhaltenes stilles Leuchten.
Kurzeck, Peter :
Übers Eis : Roman / Peter Kurzeck.
Frankfurt am Main : Stroemfeld Verlag, 1997. - 325 S.
ISBN 3-87877-580-6
S. 79-80









