Übers Eis (Weihnachtszeit)

In der Freßgass ein Penner. Betrunken. Direkt vor dem Café Schwille. Sitzt auf den Steinen und hat alles ausgetrunken. Rum, Rotwein, Büchsenbier, Weihnachtskümmel und Doppelkorn. Erst da und dann nicht mehr! Restlos! Steht auf, weil im Sitzen kann man ja nicht einmal seine eigene Meinung. Steht und taumelt. Um ihn her: alles schwankt! Gespenster, Brieftaschen, Mantelgestalten, ein blödes Volk. Er mit drei Jacken übereinander. Alle weichen ihm aus. Die ernsthaften Freßgassbettler haben schon alle die Flucht ergriffen, schon längst, weil er mit seinem Suff ihr Geschäft stört. Er steht, ein Gefuchtel. Er breitet die Arme aus. Blutig die Hände. Zerschnitten. Muß er mit Glas, mit Flaschen und kann sich jetzt nicht erinnern. Kreuz und quer beide Hände zerschnitten. Muß in Scherben hinein oder mit einem Messer. Mit Eisenblech, Kanteisen oder besoffen sein Spiegelbild und mit vollen Händen hinein. Vielleicht gestern? Vielleicht vor drei Tagen schon? Eiter und Dreck und angetrocknet das Blut. Gekotzt schon vorhin. Schon öfter! Fußgängerzone. Nicht daß ihm noch der Frost in die Wunden hinein, in der Nacht! Was lallt er? Direkt vor dem Café Schwille. Im Suff. Einzelhaft. Hält sich an einer erschrockenen Säule fest. Alles schwankt, alles zerrt an ihm. Wird sich gleich wieder setzen. Wie ging das denn zu, daß ihm nicht ein einziger Schluck noch wenigstens übrig? So viel Leben, so viel Lebenserfahrung und jetzt nicht ein einziger letzter Schluck! Und die Bullen wohl schon unterwegs? Von allen Seiten, aus allen Richtungen her unterwegs und in seinem Kopf: sie hören nicht auf zu kommen! Er taumelt, er schnauft, er hat sich gesetzt. Wenn man sich nicht um alles selbst kümmert! Jetzt fängt er an aufzustehen, die Welt erhebt sich, die ganze Freßgass steht mit ihm auf. Ob nicht doch irgendwo auf der Welt noch ein letzter Schluck für ihn, Teufel auch! Nach Möglichkeit hier in der Gegend! Zur Not mit Gewalt! Und aus der Ferne schon die Sirenen. Naßkalt, bald dunkel. Bin das jetzt wieder ich? Ein Emigrantenmantel und ohne Gesicht. Als sei der Tag mir gestohlen und wie soll ich jetzt auch nur einen einzigen guten Gedanken, woher? Am liebsten zurück jetzt, aber wie weit und wohin zurück? Zurück und noch einmal beginnen den heutigen Tag? Heim jetzt, heim zu Fuß. Besiegt. In der dritten Person. Und den heutigen Nachmittag schon als Geschichte für Sibylle und Carina oder davon nicht ein einziges Wort? Nicht ein einziges Wort davon, das hält er nicht aus! Heim zu Fuß. Hauptwache, Freßgass, Bockenheimer Landstraße. Dezember. Die Dämmerung, eine Woche vor Weihnachten, Frankfurt am Main. Und den ganzen Weg entlang nicht ein einziges Gesicht ihm begegnet. Und ankommen wirst du nie. Heim, als sei es noch unser erstes Jahr hier in Frankfurt. Vom Dorf. Dort auch fremd. Sooft er aus jeder Richtung mit brennenden Füßen über den Opernplatz kommt, wieder kein Straßenbahngeld, und sieht vor sich die Goethestraße aufglitzern, müd und hungrig, die Freßgass: unverlierbar wie eine lebendige Vergangenheit schwebt ihm vor, daß er doch noch Reichtum und Ruhm jede Menge. Unter vielen Himmeln. Bitte buchstabieren Sie uns jetzt noch einmal Ihren Namen! Und weitergehen und noch lang nicht, von nichts je genug. Immer mit Carina, in der Straßenbahn oder zu Fuß, bevor wir zum Opernplatz kommen. Gleich jetzt, du wirst sehen! Ob es auch diesmal? Bestimmt wieder da! Wo der Himmel anfängt. Auf dem Dach der Oper und kennt uns: das Pferd mit Flügeln!
Kurzeck, Peter :
Übers Eis : Roman / Peter Kurzeck.
Frankfurt am Main : Stroemfeld Verlag, 1997. - 325 S.
ISBN 3-87877-580-6
S. 90-91









