Doris Gercke

Doris Gercke: Der Krieg, der Tod, die Pest

Sie hatte keine Lust mehr, sich auch noch der aggressiven Atmosphäre auf dem Steindamm auszusetzen. Deshalb stieg sie in ein Taxi und ließ sich zur Süderstraße fahren. Am Haus der Gas-Werke stieg sie aus. Es war heiß und laut. An der Straße standen kaum Bäume. Langsam setzte sie sich in Bewegung. Am Ende der Straße mußte die Schrebergartenkolonie liegen. Aber die Straße war sehr lang, und das Ende war nicht zu sehen.
Seufzend sah sie die Straße hinauf. Autostrich - Endstation. Hier, zwischen Industriehöfen, Fabrikgebäuden und Lagerhallen, wurde ein kleiner Teil der jährlich zweihundertfünzig Millionen sexueller Dienstleistungen gekauft, für die die westdeutschen Männer jährlich 12,5 Milliarden ausgeben. In dieser gottverlassenen Gegend waren die Frauen der Willkür der Freier ausgeliefert. Bella wußte, daß die Polizeistreifen es nicht als ihre Aufgabe betrachteten, die Frauen zu schützen. Weshalb auch, Prostituierte sind der letzte Dreck, und die hier sind der allerletzte Scheißdreck, hatte ihr ein Streifenbeamter bei irgendeiner Gelegenheit ernsthaft versichert.
Aus den Imbißbuden roch es nach altem Bratfett. Bella hatte Hunger, aber keine Lust, sich in eine der Buden zu zwängen, die in der Mittagszeit überfüllt waren. Sie kam an einem neuen Restaurant vorbei, aber die vornehm gekleideten Männer, die hinter den dunklen Glasscheiben saßen, speisten und suchend die Straße im Auge behielten, waren ihr erst recht zuwider. Eine Kneipe, die in einer ehemaligen Tankstelle aufgemacht hatte, schien ganz ordentlich zu sein. Eddie's stand über der Tür. Sie beschloß, nach ihrem Erkundungsgang dort einzukehren.
Im oberen Viertel änderte sich der Charakter der Straße. Die Industriebauten wurden weniger. Erst vereinzelt, dann in geschlossenen Reihen tauchten Wohnblöcke auf. Schmucklose Häuser, ohne Balkons, bald nach dem Krieg gebaut. Einige waren inzwischen renoviert worden. Auch ein paar Bäume standen nun an den Bürgersteigen. Sie waren klein und spendeten kaum Schatten.
Was die Leute hier wohl über ihre Straße denken, überlegte Bella, während sie an geschlossenen Fenstern vorüberging. Fast überall waren die Vorhänge zugezogen, um die Mittagssonne auszusperren. Wie können sie es aushalten, dachte sie, Tag für Tag an den Frauen vorüberzukommen, ohne darüber nachzudenken, wer für dieses Elend verantwortlich ist. Dann fiel ihr ein, daß sie vielleicht, holte man alle diese Leute aus ihren Wohnungen und befragte sie, die einzige sein würde, die irgend etwas nicht in Ordnung fand.
Wie schön, daß du von selbst wieder auf den Teppich findest, Bella Block, dachte sie und ging schnell an den letzten Wohnblocks vorbei. Die Straße endete in einer Sackgasse. Eine schmale Brücke führte über einen Nebenarm der Bille. Jenseits der Brücke begann das Schrebergartengelände.

Aus:
Doris Gercke: Der Krieg, der Tod, die Pest
Goldmann Verlag Neuausgabe 3/97
Copyright der Originalausgabe 1990 by Verlag am Galgenberg
ISBN 3-442-05949
S. 91-93

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