Siegfried Lenz: Leute von Hamburg
Da der Morgen meine beste Arbeitszeit ist, gehe ich meist mittags durch meine Straße. Und noch jedesmal gab es Anlässe zur Verwunderung, zur Nachdenklichkeit, zum Stehenbleiben. Die zartgliedrigen, asiatischen Schulkinder, die, deutsche Ranzen auf dem Rücken, von der Internationalen Schule nach Hause gehen, scheinen die Heiterkeit unter erdrückender Wissenslast eingebüßt zu haben. Sinnend gehen sie vorbei, wie in schwerwiegender Kontemplation befangen. Die einheimischen Schüler, die zu dieser Stunde meine Straße zum Korso machen, kommen mir da sorgloser vor; selbstbewußt führen sie ihren Guru-, Papua- oder Afrikaner-Look vor, scherzen keineswegs aufdringlich mit ihren Mädchen, trinken Kaffee, und die Kleineren stürzen, in ganzen Pulks, in eine Bratküche, um riesige Mengen Kartoffelchips zu vertilgen.
Erstaunlich, wie groß die Geldscheine sind, mit denen kleine Pfoten bezahlen. Wollten beruflich strapazierte Eltern sich loskaufen von grauer Familienpflicht?
Die verläßliche Freundlichkeit der Gastarbeiter beeindruckt mich noch jedesmal. Sie sind allemal dabei, wenn in meiner Straße gebaut wird, wenn Leitungen verlegt oder repariert werden. Was müssen sie entbehren, wenn sie auf ein knappes Kopfnicken schon mit ausschweifender Freundlichkeit antworten? Wie muß ihnen die Straße vorkommen, in der Leute im Tennisdreß einkaufen oder, über den großen Onkel latschend, Reitkostüm und Gerte spazierenführen? Welche Gedanken erfüllen sie beim Anblick der teuren Rassehunde, die zwar keine Rolexuhren tragen, doch mitunter aufgeputzt sind, als gingen sie zu einem Hunde-Cocktail?
So kurz meine Einkaufsstraße auch ist, so wenige prachtvolle Konsumtempel sie auch aufweisen mag, so bescheiden sie auf den ersten Blick auch anmutet: sie versäumt es keineswegs, ihre Ansprüche zu stellen, hervorzuheben, daß sie etwas Besonderes sein möchte - angesichts der speziellen Kundschaft, die sich »gegenüber Preiserhöhungen einsichtsvoll« verhält. Ein zweites Fischgeschäft glaubte sich der hier lebenden Gesellschaft anpassen zu müssen und nannte sich »Fischsalon«. Doch man braucht nicht zu fürchten, daß schleimige Karpfen mit der Nagelschere geschnitten und Krabben mit der Pinzette gezählt werden. Die Inhaber schnacken auch platt. Ein kleines Geschäft, das auch biedere Handtücher und Waschlappen feilhält, nannte sich mit Rücksicht auf die soziale Höhenlage »Dream Shop«. Hier können also Gebildete ihre Laken kaufen.
Wo Einzelhändler, nur um einem eingebildeten Anspruch zu genügen, ihre Geschäfte auf solche Namen taufen, da muß es natürlich auch sogenannte Boutiquen geben. Und es gibt sie. Und sie werden von Frauen besucht, denen kühle Umsatz löwen klarmachen, wie sie sich kleiden, gürten, schmücken sollen, wo das Bein beginnt und der Hals endet. Und natürlich darf man voraussetzen, daß es in dieser Straße früher Erdbeeren gibt als in anderen Stadtteilen und daß ein ausgesprochener Bedarf herrscht an Avocados, Granatäpfeln und Mangofrüchten - von Störfleisch und Schwalbennestern gar nicht zu reden. Trotzdem: sie bleibt eine Dorfstraße mit Snob-Appeal.
Etwa in der Mitte biege ich auf meinem täglichen Weg links ab, passiere die S-Bahn-Unterführung. Vorher jedoch - und das ist mehr als erstaunlich für diese Gegend - eine Schuhmacherwerkstatt; ich bin dann schon auf dem äußeren Bogen, der zu meiner Wohnung zurückführt. Wer in diesen melancholischen Kästen wohnt? Hier, wo sich die Mindestquadratmeterzahl des sozialen Wohnungsbaus wie ein Witz anhört? Notare sind es, Hausmakler, Ärzte, wiederum Notare – fast hat es den Anschein, als sei Hamburg ein günstiger Boden für Notare. Aber auch Schneidermeister wohnen hier. Und eine Kleintier-Klinik bietet sich an, falls der Wellensittich husten sollte.
Aus:
Siegfried Lenz: Leute von Hamburg, Deutscher Taschenbuchverlag 1992
ISBN 3-455-04234-1
S. 67-70
© 1986 Hoffmann und Campe Verlag









