Jürgen Becker

Jürgen Becker: Felder

Zur Mitternachtsfeier am 1. Februar 1926 in weltgeschichtlicher Stunde, davon berichtet ward in Kölnischer Zeitung: Als die Mitternachtsstunde schlug, gingen ein Brausen und eine tiefe Bewegung durch die Menschenmenge, die Petrusglocke, die Deutsche Glocke am Rhein, läutete mit schweren und wuchtigen Schlägen die feierliche Kundgebung ein. Auf zwei riesigen Kandelabern, die an den beiden Flanken der Domtreppe aufgebaut waren, loderten mächtige Feuer zum Himmel, ein Bild, das jedem, der es erblickt hat, unvergesslich bleiben wird. In tiefer Ergriffenheit bewahrten die Zuschauer Stillschweigen. Dann trat Oberbürgermeister Dr. Adenauer an das Rednerpult und hielt mit kernigen Worten eine Ansprache, die, durch Lautsprecher weitergeleitet, sehr gut auf dem Platz zu verstehen war:

"Die Stunde is jekommen, die so heiß, so insbrünstich ersehnte, der Tach der Freiheit is anjebrochen! Unsere Herzen fliejen empor zu Jott dem Allmächtijen. Dank sei ihm, der uns jeführt hat durch Not un Jefahr! Vereint sind wir wieder mit unserem Staat, unserem Volk, unserem Vaterland, vereint un frei nach vielen Jahren der Trennung un Unfreiheit! In jemeinsam jetragener, jemeinsam überwundener Not erwächst die treueste Kameradschaft. Ihr, deutschen Volksjenossen in den besetzten Jebieten, habt mit uns Schulter an Schulter jestanden. Euch, die ihr noch der Freiheit entbehrt, jrüßen wir in dieser Stunde in Liebe un Treue! Schweres haben wir erdulden müssen durch die harte Faust des Siejers in sieben langen Jahren. Heute, in dieser weihevollen Stunde, lasst uns davon schweijen; ja, wir wollen jerecht sein, trotz vielem, was uns widerfahren is, wir wollen anerkennen, daß der jeschiedenen Jechner auf politischem Jebiet jerechtes Spiel hat walten lassen. Hoffen wir. Dass unsere Leidenszeit nich umsons jewesen is, nunmehr ein wahrhaft neuer Jeist in die Völker Europas einzieht. Die Jrundsätze des Rechts un der Moral, die für das Verhältnis der Einzelmenschen zueinander jelten, die jeden Menschen als frei un jleich und jleichberechtigt erklären, müssen auch in Wahrheit, nich nur in Worten, Jeltung erhalten für die Jesellschaft der Völker! Brüdern, Schwestern! Wir sprechen die gleiche Sprache, wir lieben die jleiche Heimat. Ob reich, ob arm, ob links ob rechts: die innersten un tiefsten, die menschlichsten Jefühle sin uns allen jemeinsam. Jemeinsame Not haben wir getragen, erfahren haben wir, was Schicksalsjemeinschaft is. Wenn jetz die Last von uns jenommen wird, wenn wir hinaustreten in die Freiheit, dann lasst uns das niemals verjessen! Dieser Platz wurde der eins jeweiht durch die Worte: "Dem Jeiste deutscher Einichkeit un Kraft sollen diese Dompforten Tore des Herrlichsten Triumphes werden." Auf diesem jeheilichten Platz haben die fremden Truppen jestanden; lasst uns ihm von neuem die Weihe jeben! Ein Symbol der deutschen Einheit un Einichkeit is unser Dom, wie Schwurfinger rajen seine mächtijen Türme empor in den nächtlijen Himmel. Wohlan! Heben auch wir zum Schwure die Hand! Un Ihr alle in deutschen Landen, die jetz im Jeiste bei uns weilt, schwört mit uns! Schwören wir Einichkeit, Treue dem Volke, Liebe dem Vaterlande! Ruft mit mir Deutschland jeliebtes Vaterland, hoch! hoch! hoch!"

Becker, Jürgen: Felder / Jürgen Becker. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1964. – 145 S. S. 79ff

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