Leipzig

"Hier verschieben sich die Prioritäten von Freiheit Richtung Sicherheit" – Juli Zeh über Leipzig

Copyright: David Finck Bei der Online-Befragung "Perspektive Deutschland" gaben zwei von drei Bürgern geben an, dass man in Leipzig gut oder sogar sehr gut leben kann.

Zwar sind München und Stuttgart nach wie vor die beliebtesten Städte Deutschlands, doch die sächsische Metropole Leipzig rangiert – was die Zukunftserwartung der Menschen betrifft – ganz weit oben.

Frau Zeh, Sie haben Leipzig selbst einmal als eine "mittelgroße mitteldeutsche Stadt" beschrieben, "die kein Gebirge vor der Tür, keinen majestätisch sich dahinwälzenden Strom im Herzen, keinen Wald außen herum, keine Küste in der Nähe, keinen Regierungssitz, keine Drogenszene, keine Heilquellen und auch sonst eigentlich nichts zu melden hat". Und trotzdem ist Leipzig Ihre Wahlheimat. Warum?

Nach Leipzig gekommen bin ich vor zehn Jahren wegen des Deutschen Literaturinstituts, wo ich unbedingt studieren wollte (was ja glücklicherweise auch geklappt hat). Gleichzeitig aber habe ich mich regelrecht in Leipzig verliebt. Ähnlich wie bei der Liebe zu einem Menschen kommt es dabei nicht darauf an, welche konkreten Vorzüge der andere hat, sondern es geht um die Persönlichkeit, das ganze Wesen. Und vielleicht ein bisschen ums Aussehen.

Leipzig wirkte auf mich wie ein junger, unternehmenslustiger, ein bisschen verrückter Mensch, der seine Freiheit genießen und alles ausprobieren will. Ein Ort, der gut ist für Bewohner, die ebenso frei und unternehmungslustig sind, die sich selbst und ihre Fähigkeiten austesten wollen. Im Gegensatz zu westdeutschen Städten, wo immer alles schon so festgefügt und unverrückbar wirkt, habe ich Leipzig als eine richtige Befreiung empfunden.

Sie sind in Bonn geboren, leben aber seit zehn Jahren in Leipzig. Wie erleben Sie die Leipziger in ihrer Stadt und welches Verhältnis haben Sie zu Leipzig und den Leipzigern entwickelt?

Ich habe eigentlich nie darüber nachgedacht, wer in meiner Umgebung "Leipziger" ist und wer von woanders kommt. Ich gehöre ja einer Generation an, die viel reist und deshalb Freunde in verschiedenen Teilen Europas oder gar der Welt hat. Und auch zuhause, also in Leipzig, lernt man Menschen aus verschiedenen Ecken Deutschlands kennen. Das ergibt einen gemischten Freundeskreis, in dem man gar nicht so sehr bemerkt, wer von wo kommt. Man weiß es zwar, aber es spielt gefühlsmäßig keine Rolle.

Daneben gibt es noch das Alltagsleben und die Begegnungen mit den Menschen auf der Straße und in der Nachbarschaft. Da hat sich mein Verhältnis sehr stark gewandelt: Während ich früher sehr glücklich war und mich wohl gefühlt habe mit dem allgemeinen Umgangston und den Alltagsbegegnungen mit anderen Menschen in Leipzig, fühle ich mich jetzt sehr unwohl. Ich werde häufig auf unschöne Weise von anderen Menschen auf der Straße angeblafft, weil ich irgend etwas tue, das ihnen nicht gefällt. Das war früher nicht so. In Leipzig verschieben sich die Prioritäten von "Freiheit" Richtung "Sicherheit". Das ist ja leider überall so im Moment, aber in Leipzig merke ich es besonders. Die Menschen beginnen, einander zu kontrollieren, und das senkt die Lebensqualität ganz erheblich.

Was darf man Ihrer Meinung nach keinesfalls verpassen, wenn man die Stadt Leipzig besucht?

Ihre verschiedenen Facetten zu erleben. Man muss sie als Universitätsstadt, als Nachtleben-Stadt, als Wirtschaftsstadt, als Freizeit- und Naturstadt und als Kulturstadt erleben, denn alle diese Seiten sind sehr ausgeprägt vorhanden (auch wenn der kulturelle Bereich leider stetig demontiert wird).

Bei der Online-Befragung "Perspektive Deutschland" ist Leipzig, was die Zukunftserwartungen der Bewohner angeht, unter den 15 größten deutschen Städten auf Platz 4 gelandet. Spüren Sie in Leipzig diese positive Stimmung, vielleicht sogar: Aufbruchstimmung?

Ja, das ist schon zu spüren. Die Stimmung in der Stadt ist alles andere als depressiv, man fühlt, dass die Menschen stolz sind auf Leipzig, und sie haben allen Grund dazu. Leider führt diese Aufbruchstimmung aber auch zu den oben erwähnten Reibereien im Alltagsumgang: Ich glaube, Leipzig hat sich einfach dafür entschieden, eine Wirtschaftsmetropole zu werden, ein Ost-Aufschwung-Wunderland. Dafür will man ein verregeltes, ordentliches Zusammenleben, Sauberkeit, Sicherheit, Kontrolle. Die andere Seite, für die ich Leipzig vor zehn Jahren so geliebt habe – der leichte Hauch von Anarchie, Offenheit, Freiheit, Toleranz und Akzeptanz für alles auf den ersten Blick Andersartige – geht dabei verloren. Man will Wirtschaftsbosse und keine Künstler. Mein Freund und ich planen konkret, die Stadt bald zu verlassen – aus diesem Grund.

Sie haben kürzlich geschrieben, dass Ihr Rezept für einen "perfekt-glücklichen Tag" meist im Ausland gelingt. Was fehlt in Leipzig zum Glück? Und mit welchem Gefühl denken Sie auf Ihren zahlreichen Reisen aus der Ferne an Leipzig?

Die Freiheit, die mir in Leipzig fehlt, finde ich heute in wunderschönen Städten wie Krakau oder Sarajevo. Außer meinen Freunden vermisse ich eigentlich nichts. Es ist im Moment eher eine Erleichterung, nicht in Deutschland – und nicht in Leipzig zu sein.

Spielt das Verhältnis, das Sie zu Leipzig haben, in Ihren Büchern eine Rolle?

Nein, eigentlich nicht. Ich schreibe meistens über Orte, an denen ich früher einmal gelebt habe, nicht über die Orte, an denen ich mich während des Schreibens aufhalte.

Juli Zeh, geboren 1974, lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Juristin in Leipzig. Für ihren Roman "Adler und Engel" bekam sie 2001 den Deutschen Bücherpreis für das "erfolgreichste Debüt". Ihr letzter Roman "Spieltrieb" erschien 2004.
Das Gespräch führte Dagmar Giersberg, cleevesmedia.
Dagmar Giersberg arbeitet als Redakteurin und Publizistin in Bonn

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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Mai 2005

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