Selbs Betrug (Teil 2)
Ich musste nicht lange werben. Wir nahmen die OEG zurück nach Mannheim und stiegen beim Flugplatz Neuostheim aus. Der kleine Tower, das kleine Büro, das kleine Rollfeld und die kleinen Flugzeuge – Manu kannte es vom Flug von Rio de Janeiro nach Frankfurt größer, war aber begeistert. Ich meldete einen halbstündigen Flug an. Der Hobbypilot, der uns fliegen sollte, wurde angerufen und machte einen Hüpfer mit einem Propeller und vier Sitzen startklar. Wir knatterten über die Rollbahn und hob ab. Wie eine Spielzeugstadt lag Mannheim unter uns, ordentlich, adrett. So müsste der Kurfürst, der die Quadrate hat anlegen lassen, seine Stadt einmal sehen können. Rhein und Neckar glitzerten in der Sonne, die Schlote der Rheinischen Chemiewerke pusteten weiße Wölkchen in den Himmel, und in den Becken beim Wasserturm tanzten die Fontänen. Auf Anhieb erkannte Manu den Luisenpark, die Kurpfalzbrücke und das Collini-Center, in dem Brigitte ihre Massagepraxis hat. Der freundliche Pilot drehte eine Extra-Schleife, bis Manu auch sein Haus in der Max-Josef-Straße fand.
"Jetzt machen Sie bitte noch einen Schlenker nach Viernheim rüber."
"Sind Sie von dort?"
"Ich war mal von dort."
Das interessierte Brigitte. "Wann hast du in Viernheim gelebt? Das wußte ich noch gar nicht."
"Nach dem Krieg, nicht lange."
Unter uns standen die Blocks vom Benjamin-Franklin-Village Spalier. Golfplatz, Autobahnkreuz, Rhein-Neckar-Zentrum, die engen, krummen Straßen um Rathaus und Kirchen - schon waren wir über den letzten Häusern Viernheims, und der Pilot schwenkte nach rechts.
Schlink, Bernhard: Selbs Betrug / Bernhard Schlink. - Zürich : Diogenes, 1994 . - 298 S.
( detebe ; 22706 )
ISBN 3-257-22706-X
S. 175/176









