Milch und Kohle (Teil 1)

Um die Haufen herum lag stets feiner Staub, eine hellschwarze, leicht schimmernde Aura, in der es hier und da gestochen scharfe Aussparungen gab: Wo die Hydraulikstempel des Kipplasters oder die Stiefelspitzen des Fahrers gestanden, wo ein Schaufelstiel, eine leere Schachtel Collie oder ein paar Kronkorken gelegen hatten. Und wir schrieben unsere Namen in den Staub, wer doof ist, und wer wen liebt.
Der Anzug war billig gewesen, ebenso Hemd und Krawatte, und als ich aus dem Textilgeschäft trat, drehte ich die unbedruckten Seiten der Tüten nach außen. Immer noch blühte Flieder, überall, doch die Dolden wurden schon braun. Der Himmel war unbewölkt, und zwischen den Reflexen und Spiegelungen auf den Scheiben der Busse, die vor dem Bahnhof hielten, glaubte ich einen Lidschlag lang ihr Lächeln zu sehen, jenes breite, strahlende aus der Zeit, die sie wohl gemeint hatte, wenn sie sagte: »Wir hatten ja auch gute Jahre!«
Es war die Stationsschwester, die mir zunickte, während sie ihrem kleinen, noch etwas wackelig gehenden Sohn auf den Bürgersteig half. Sie trug lindgrüne Hosen, ein orangefarbenes Shirt und war geschminkt, und als wären inzwischen nicht Tage vergangen, als hätte sie mir erst gerade, nach einer flüchtigen Entschuldigung, das päckchen ausgehändigt, sagte sie mit einem beiläufigen Blick auf meine Plastiktaschen: »Und grüßen Sie Ihren Bruder!«
Flieder auch in Sterkrade, auf dem riesigen, von Baggerketten zerwühlten Gelände der stillgelegten Gute-Hoffnungs-Hütte. Die Erde glänzte ölig in der Sonne, und hinter Ziegelhaufen, Sintergruben und Maschinenschrott spielten Kinder, schossen aufeinander mit bunten Pistolen, brachen zusammen und sprangen wieder auf. (...)
ISBN 978 351 841 1261
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