Hermann Lenz

Hermann Lenz - Herbstlicht

Der Held in Herbstlicht ist Eugen Rapp. Alter ego des Autors, zieht er als 65jähriger von Stuttgart nach München. Dort macht er seine Erfahrungen mit dem kulturellen Leben. Rapp ist Protagonist der unter Vergangene Gegenwart zusammengefassten autobiographischen Romanfolge, die von 1966 bis 1998 neun Titel umfasst.

Herbstlicht

Dann wieder sah er geistweise nach Stuttgart hinein: In die Birkenwaldstraße, dort droben, wo einmal der Weißenhof gestanden war. Sein elterliches Haus stand erhöht da, und dahinter lag der Garten, abgeschlossen von einer moosigen Mauer. Du verläßt Dein elterliches Haus durch die Gartentüre und schaust weiter vorne über die Stadt hinweg. Hinter einer Hecke und einem Drahtzaun liegt ein Weinberg. Und dort drüben, wo die Hügelkante sich ins Tal senkt, steht die Kirche mit dem gedrungenen Turm. Erlöserkirche, wie? Und ihm fiel ein, daß sie als 'Kirche in Weinbergen' gebaut worden war. So hatte sie ihr Baumeister genannt. Das dicke Zwiebeldach des Turms ragte in den hellen Dunst über dem Tal hinein, und drüben lag der Hügelrücken mit der Sternwarte, eine Gegend, von der Eugen das Gefühl hatte, die sei besonders fein. Er sah eine Allee vor sich, über deren Bäume (Ahorne, wenn dir recht ist) die Kuppel der Sternwarte schaute. Ein paar Villen standen da, und um die war's still. Und er dachte: zeitlebens war dir Bäumerauschen das liebste Geräusch... Fenster glänzten auf der anderen Talseite, wo die Häuser im Grün lagen.

Es war, als würde das Bild Stuttgarts hergeweht und er sähe die Degerlocher Höhen, die im Gegenlicht dunkel erschienen. Das Land war links hinüber weit und hell. Der Rotenberg war mit dem grünlichen Kuppeldach seines runden Grabtempels zu sehen. Lieber wär's dir jedenfalls, wenn dort noch die alte Burg stünde. Daß einer das Haus, in dem seine Vorfahren gelebt hatten, abreißen lassen konnte, um sich und seinen beiden Frauen eine pompöse Grablege hinzustellen, das verstehst du nicht. Dieser König mußte einer gewesen sein, der nur Neues geliebt hatte, obwohl er von irgendwelchen Tendenzen freiheitlicher Natur so gut wie nichts hatte wissen wollen. Sogar das Alte Schloß, drunten beim Schillerplatz, hatte er demolieren wollen, wie man in Österreich abreißen sagte. Und Eugen ging in Gedanken über die Panoramastraße dem Schloßplatz entgegen, wo das Neue Schloß mit seinen Fenstern glitzerte. Und er dachte, es sei nicht ganz das Richtige, daß man ihn hierher versetzt habe, weil München für ihn zu groß war.

Lenz, Hermann : Herbstlicht: Roman; Roman / Hermann Lenz
Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1992.- 280 S.
ISBN 3-458-16237-2
S. 21f