Montgomery (Teil 2)
Das Haus, zu dem ich keinen Zugang hatte. Das berühmte Schmitthenner-Haus in der Löwenstraße, zum ersten Mal werde ich es von innen sehen. Auch ich bin in der Löwenstraße aufgewachsen, aber in ihrem kleinbürgerlichen, in das alte Degerloch einmündenden Teil. Aus einem Verlies meines Gedächtnisses ziehe ich das Haus mühelos hervor, allerdings nur den obersten Stock und das Dach, die über die hohe Gartenmauer ragen. In die Mauer eingelassen ein Tor. Hinter seinen Holzsprossen sehe ich Robert und Blechle verschwinden. All die imaginären Festungen, die ich in meinen Kindertagen mit selbstgebastelten Katapulten beschoß, ähnelten Blechles Haus, nicht den Burgen auf der Schwäbischen Alb. Vom Verfasser von Das deutsche Wohnhaus entworfen, der anfangs ein überzeugter Anhänger Hitlers war und trotzdem nicht groß zum Zuge kam, weil der harmonische Traditionalismus der Stuttgarter Schule mit den Bauten Speers und Troosts wenig gemein hatte. Die sanften Gesetze und glücklichen Proportionen Schmitthenners kamen deshalb weiterhin vermögenden Privatleuten zugute, die sich von ihm ihre Häuser bauen ließen. Ende der zwanziger Jahre waren sie seinem Auftraggeber Karl Richard Stahl zugute gekommen. Von all dem wußte ich damals natürlich nichts. Meine Eltern sprachen nicht über Architektur, sie waren mit ihrer Getränkehandlung beschäftigt. Blechles Mutter ließ sich erst in den siebziger Jahren von ihnen beliefern, da lebte ich bereits in München.
An Frau Gerlinde Stahl, Löwenstraße 164, 70597 Stuttgart.
Als der voluminöse Umschlag im Postschlitz verschwand, geriet ich in Zweifel, ob ich nicht eine Dummheit begangen hatte. Ich rechnete damit, daß mir ein Anwalt die Veröffentlichung meiner Aufzeichnungen untersagte. Zehn Tage später hörte ich ihre Stimme zum ersten Mal am Telefon, eine etwas geläufigere Stimme, als ich sie mir vorgestellt hatte. Sie lud mich zum Tee ein.
© 2003 Deutsche Verlags-Anstalt, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
S. 336 ff









