Matthias Politycki über Stuttgart - Weiberroman
Weiberroman
Als wolle sie ihm eine zweite Chance gewähren, sortierte die Frau, kaum dreißig Meter Richtung Bohnenviertel entwischt, sortierte sie ihre Einkaufstaschen, Einkaufstüten von der einen Hand in die andre, aus dem Fünf Uhr-Himmel nieselte flau eine Ahnung davon, ... daß es auch dieses Jahr nichts werden würde mit weißer Weihnacht, und also war von der Frau bloß auszumachen: die Rückenpartie eines jener Lackmäntel, wie man sie aus der letzten Vogue kannte.
Und ihre Unterschenkel, gewiß.
Indem er ihr hinterherhastete in die Leonhardstraße, befürchtete Gregor, daß er sie niemals von vorne sehen, befürchtete Gregor, daß er sie plötzlich von vorne sehen, daß sie sich umdrehen und als unschön erweisen würde, befürchtete Gregor, daß sie sich umdrehen und als schön erweisen würde; trotzdem überkam ihn, der Rest des Tages fuhr ihm anthrazitfarben ins Gesicht, überkam ihn beinahe die Lust zu pfeifen - man war noch immer nicht zu alt! Um sich, in der nächsten Sekunde womöglich, den Mantel vom Leib zu reißen und ihn, über einer Pfütze womöglich, vor ihr auszubreiten; zwar ahnte man, daß sie gleich in einem Taxi verschwinden würde hinter einer Straßenecke in Luft sich auflösen am Ende eines kurzen, schmerzlich kurzen Gedankenstrichs, aber solang sie's nicht tat, durfte man wieder siebzehn sein, durfte auf ein Wunder hoffen und die Kerle vergessen, die mit ihren verschiedenfarbnen Lebensäußerungen ansonsten hier nach unten bogen, auf daß man nirgendwo hineintrat, durfte sein Hemd verschwitzen und mit sich selber wetten: daß es eben doch keine andre sein konnte als Katarina; wie sie erhobenen Hauptes an den Nutten, nicht etwa: vorüberging, sondern: vorüberschritt, an den Nutten, die jetzt, nach Einbruch der Nacht, mißmutig aus ihren Höhlen hervorkrochen, aus der Bierorgel, der Gaststätte zur Nonne, dem Schinderhannes; wie sie stolperte; und wie sie, Gregor war noch am Überlegen, ob er herbeispringen sollte, wie sie schon wieder ihre Tüten umsortierte - die fremde Frau auf halbhohen Pumps, wie sie ausschließlich Frauen tragen dürfen, die sich zu fein sind, so jedenfalls sah's Gregor, oder solche, die wissen, daß sie bereits bei halbem Aufwand alle andern überragen. Im vorbeistreifenden Licht der Autos erglänzten ihre Strumpfhosen, ihr Lackmantel, und nicht allein ihr Gang, auch ihre Art, nach linksrechts nicht zu blicken, während sie in die Esslinger Straße hineinlief, erinnerte von fern an Katarina, damals, vor vier Jahren, als er ihr einen ganzen Sommer lang hinterhergeschlichen, bis sie sich überhaupt erst mal nach im umgesehen hatte. Und seither? War ihm völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, seinen Pulsschlag im ganzen Körper zu spüren - ihm, dem abgeklärten Gregor Schattschneider, den nichts mehr vom Hocker reißen oder aus der Bahn bringen konnte: Schließlich schritt die Frau ja nicht irgendwohin, sondern Richtung Charlottenplatz, wohin auch er zwar nicht: zu schreiten, aber immerhin: zu gehen hatte, sowieso zu gehen hatte, vorbei am Seifen-Lenz, an bett & art, vorbei am TUI-Profi-Partner, vorbei am Bäcker Na-
-nu! fast wäre Gregor
auf sie draufgeprallt, so abrupt hatte sie angehalten vor dem Bäcker Nast, und wie er einen schnellen Schritt zur Seite tat -
und wie er dabei in was Weiches trat -
und wie er einen Fluch ausstieß und ein Zitat -
war sie hinter der Ladentür verschwunden. (...)
Politycki, Matthias: Weiberroman / Matthias Politycki. - München: Luchterhand
Historisch-kritische Gesamtausgabe - 3. Aufl., 1997.- 428 S.
ISBN 3-630-86971-8
S. 239f









