Corpus Delicti. Ein Prozess

Alles beginnt mit einem weiten Kameraschwenk über die stille Oberfläche des Planeten, wie er Mitte dieses Jahrhunderts vielleicht aussehen wird. Saubere Städte, umrankt von sauberer Natur und geputzten Industrieruinen. Solaranlagen neben Magnetbahntrassen. (...) Nur Google Earth blickt noch aus der Vogelperspektive auf die Schöpfung herab, und wenn man näher ranzoomt, landet man in einem deutschen Amtsgericht, das soeben einen Fall nachlässiger Gesundheitsvorsorge verhandelt. Eine junge Frau namens Mia Holl hat ihren „Schlafbericht“ nicht eingereicht, ihren Blutdruck nicht gemessen und ihre sportliche Leistungskurve absacken lassen. Wegen dieser Pflichtvergessenheit gegenüber sich selbst, die eine Schlamperei gegenüber der Gemeinschaft ist, weil das Selbst als deren kleinste Funktionseinheit ständiger Kontrolle bedarf, wird die Delinquentin zunächst verwarnt. Corpus Delicti erzählt von der Zurichtung des privaten Körpers im Namen eines Staatskörpers. Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns die bestehenden Verhältnisse nicht gefährdet: So lautete der kategorische Imperativ in den totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts, und so wird er im 21. Jahrhundert vielleicht weiterhin lauten. Juli Zeh versucht die Gründe zu benennen, warum auch freie Gesellschaften Unfreiheit erzeugen.Evelyn Finger: „Das Buch der Stunde“
© Die ZEIT, 26. Februar 2009
Juli Zeh
Corpus Delicti. Ein Prozess
Schöffling und Co., Frankfurt am Main, 2009
ISBN 978-3-89561-434-7
Corpus Delicti. Ein Prozess
Schöffling und Co., Frankfurt am Main, 2009
ISBN 978-3-89561-434-7
Links zum Thema
Hörprobe - gelesen von Juli Zeh

(unterstützt von www.literaturport.de)











