Christa Wolf

Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud

© Suhrkamp Verlag, Berlin, 2010Christa Wolf: Stadt der Engel and The Overcoat of Dr. Freud © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2010 Las Vegas ist nicht unbedingt der Ort, an dem man Christa Wolf vermutet hätte. Lange ist sie dort auch nicht geblieben. Beim Roulette setzte sie sich ein Limit von 60 US-Dollar und hörte dann auf. (…) Was irdische Vergnügungen angeht, ist sie nicht so leicht zu verführen.
Diese Szene steht am Ende ihrer vom Verlag kühn als „Roman“ bezeichneten, fiktional überhöhten Erinnerungsprosa „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ – ein Buch, in dem es durchaus um Verführbarkeit geht. Und erst hier, bei einer Fahrt zu den Navajo- und den Hopi-Indianern, gelingt es ihr endlich, loszulassen und sich nur für das zu interessieren, was ihr begegnet: die Landschaft und die Menschen. (…) Die Monate zuvor – von September 1992 bis Mai 1993 war Christa Wolf Gast des Getty Center in Los Angeles – dreht sich fast alles um sie selbst und ihre Geschichte, um ihr Leben in der DDR und im Sozialismus, vor allem aber um den Schock, den sie erlitt, als ihr in der Gauck-Behörde im Sommer 1992 nicht nur die 42 Ordner ihrer sogenannten „Opfer-Akte“ vorgelegt wurden, sondern auch eine dünne Mappe, der sie entnahm, in den Jahren 1959 bis 1962 von der Stasi als „IM“ geführt worden zu sein. (…) Das Kürzel „IM“ wirkte im Jahr zwei des wiedervereinigten Landes vernichtend. Zu Differenzierungen war eine moralisch aufgeladene Öffentlichkeit nicht in der Lage. Und nun hatte es ausgerechnet die große Moralistin Christa Wolf erwischt. In „Stadt der Engel“ erzählt sie davon, wie aus dem Faxgerät in L. A. die Zeitungsartikel herausquellen, die sie nur schwer ertragen kann.

Jörg Magenau: „Ans Selbstgespräch gefesselt“
© die tageszeitung, 26. Juni 2010

Christa Wolf
Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2010
ISBN 978-3-518-42050-8
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