Freitisch
Am Anfang staunt man ein wenig über Stereotypen, die man von Uwe Timm gar nicht gewohnt ist. Da begegnen sich im vorpommerschen Anklam zwei Männer wieder, die einander um 1965 als Studenten in München kennengelernt und dann aus den Augen verloren hatten. Der eine, der Erzähler, war Lehrer für Deutsch und Geschichte und hat sich nach der Wende mit seiner Familie „freiwillig“ in der Ostprovinz niedergelassen, wo er seit der Pensionierung ein Antiquariat führt. (…) Der andere hat von Deutsch und Mathematik schon früh auf Abfall-Logistik umgesattelt und kommt jetzt als Investor aus Berlin, um das verarmte Anklam mit einer arbeitsplatzträchtigen Sondermülldeponie zu beglücken. (…) Der Autor, Jahrgang 1940, berichtet aus der unspektakulären, doch untergründig brodelnden Zeit, die zwischen den literarisch hundertfach aufgewärmten Fünfzigern und dem Schicksalsjahr 1968 lag. So ist auch dieser Timm-Text wieder ein Stückchen Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik, anekdotisch aufgelockert und ins Individuelle gewendet, diesmal gespiegelt in der über Jahrzehnte konservierten Verehrung eines anarchisch-pessimistischen Dichtergenies der Nachkriegszeit. Anspielungen auf Arno Schmidt und Zitate aus seinem Werk durchziehen die Erzählung, die zwanglos, mit einer sehr entspannt wirkenden Anmutung von Zerstreutheit, zwischen damals und heute hin- und herspringt.Kristina Maidt-Zinke: „Gefühle gab es damals kostenlos“
© Die ZEIT, 17. März 2011
Uwe Timm
Freitisch
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2011
ISBN 978-3-462-04318-1
Freitisch
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2011
ISBN 978-3-462-04318-1










