Judith Schalansky

Der Hals der Giraffe

© Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011 Ein Tier müsste man sein, „ein wirkliches Tier, ohne ein Bewusstsein, das den Willen hemmt“. Da aber auch Gefühle sich eher störend auswirken, wäre es noch verlockender, als Pflanze zu existieren: Man hätte Blätter, die mit ihrem Chlorophyll Photosynthese betreiben. (…) Solche durchaus reizvollen Gedanken macht sich die Biologielehrerin Inge Lohmark in Judith Schalanskys Roman „Der Hals der Giraffe“. Sie folgt damit Fluchtimpulsen, wie sie wohl jeder Gattung eigen sind. Bis zur Rente hat sie vielleicht noch zehn Jahre, doch ihre Schule in einer vorpommerschen Kleinstadt wird wohl schon früher geschlossen. Es gibt nicht mehr genug Kinder in dieser von Wegzug, Rückbau, Arbeitslosigkeit geprägten Region. Die Vision, dass die Vegetation die Stadträume zurückerobern und am Ende die Natur stärker sein wird als alle menschliche Kultur mit ihren flüchtigen Hervorbringungen, ist hier nicht so leicht von der Hand zu weisen. (…) „Der Hals der Giraffe“ lässt sich als subtiler Beitrag zur Bildungsdebatte lesen. Der Untertitel des Buches lautet auch „Bildungsroman“ – ein Begriff, der in mehrfacher Hinsicht eingelöst oder vielmehr aufgelöst wird. Denn Bildung ist etwas, das in der Weltsicht der Inge Lohmark zu den Dingen gehört, die der Natur entgegengesetzt und deshalb fragwürdig sind.

Jörg Magenau: „Kein Artenschutz für Menschen“
© Süddeutsche Zeitung, 28. September 2011

Judith Schalansky
Der Hals der Giraffe
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011
ISBN 978-3-518-42177-2
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