Belletristik – Romane, Erzählungen, Lyrik, Krimi

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2016

Shida Bazyar
Nachts ist es leise in Teheran

Der Name des Romans wie der der Autorin weisen darauf hin, dass die 1988 im rheinland-pfälzischen Hermeskeil geborene Shida Bazyar familiäre Wurzeln in Iran hat. Ihre Neugier auf das Thema Flucht ist somit wie beim ebenfalls in Deutschland geborenen Fatah biographisch bedingt; die Eltern, in Bazyars Roman als Figuren leicht wiedererkennbar, verließen in den achtziger Jahren ihre Heimat, obwohl sie als links orientierte Studenten den Sturz des Schahs im Jahr 1979 begrüßt hatten. (...)Mehr ...
Maxim Biller: Biografie © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2016

Maxim Biller
Biografie

Seit Jahrzehnten ist er der Provokateur, vielleicht auch der Schrittmacher der deutschen Literaturszene, fordert mehr Mut, mehr Relevanz und ein Ende der „Schlappschwanzliteratur“. Er besieht sich kühl die deutsche Literaturlandschaft und entdeckt bloß Spießer oder verdruckste Kunsthandwerker. Und dann nennt er sie eben so, auch wenn alle ganz anders urteilen. Kuschelbesprechungen gibt es bei ihm nicht. (...) Nun legt er seinen großen Roman vor. Er nennt das Buch ein Memoir. Titel: Biografie. Terrorismus, Sexualität, Holocaust, Liebe und Familie, Deutschland und Israel, Prag und Moskau – auf nahezu jeder Seite.Mehr ...
Matthias Brandt: Raumpatrouille. Geschichten © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2016

Matthias Brandt
Raumpatrouille. Geschichten

Weder ist Raumpatrouille eine literarische Abarbeitung am überragenden Vater noch ein nachgeholter Annäherungsversuch wie der Erzählessay Andenken (2006) des älteren Bruders Lars Brandt. Was es über den privaten Willy Brandt en passant zu erfahren gibt, dass er verschlossen, emotional unbeholfen und auf seine Art doch ein verlässlicher Vater war, das geht keinen Zentimeter über das hinaus, was man nicht schon wüsste.Mehr ...
Gerhard Falkner: Apollokalypse © Berlin Verlag, Berlin, 2016

Gerhard Falkner
Apollokalypse

„Apollokalypse“ wird von Georg Autenrieth selbst erzählt, einer unfassbar bleibenden Person, auch wenn sie redet, liebt, trinkt. Wer da eigentlich spricht und wie viele dieser Autenrieth in sich birgt, bleibt das Rätsel, das dem Roman Spannung verleiht. Nicht chronologisch, diskontinuierlich führt der Erzähler, dem man weder glauben noch nicht glauben kann, durch das Berlin zwischen 1985 und 1995. Dazwischen liegt der Fall der Mauer, wovon hier kein großes Aufheben gemacht wird. West, Ost, mit oder ohne Mauer: Die Geschichte spielt in allen Teilen der Stadt, die Zäsuren setzen die Frauen: Isabel, die Kunststudentin, und Billy, die Bulgarin Bilijana.Mehr ...
Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt © C. H. Beck Verlag, München, 2016

Catalin Dorian Florescu
Der Mann, der das Glück bringt

Wieder erzählt Florescu, wie schon in „Zaira“, eine Geschichte zwischen Osteuropa und Nordamerika. Doch diesmal sind es zwei Erzählstränge, die immer enger und je später, desto spannender verwoben werden. Der erste Strang beginnt mit einem bitterarmen Zeitungsjungen, dem Großvater des Erzählers Ray, einem Immigranten. Der beobachtet 1899 auf dem East River in New York den regelmäßigen Schiffstransport von Kindersärgen. Dort möchte er nicht enden. Nicht so früh. Scheinbar unerschrocken schlägt sich der Junge mit den vielen Namen und der schönen Stimme im Großstadtdschungel durch und blickt in mörderische Abgründe.Mehr ...
Durs Grünbein: Die Jahre im Zoo © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2015

Durs Grünbein
Die Jahre im Zoo

Die „Büchse Erinnerung“, dichtet Durs Grünbein in einem der lyrischen Intervalle seines Memoirs „Die Jahre im Zoo“, sei „ein altes Blech voller Regenwürmer:/Man öffnet sie, und Kindheit, das Erbärmliche, weht einen an“. Dieses Erbärmliche ist jedoch nicht der hauptsächliche Wesenszug in Grünbeins Kindheits- und Jugendbeschreibung. Im Gegenteil: Der preisgekrönte Lyriker lässt, bei aller Genauigkeit in der Beschreibung unschöner Vorkommnisse wie der (einzigen) Tracht Prügel durch die Mutter oder dem Tod des Kameraden, nostalgische, wenn auch nie verklärende Erinnerungen durchaus zu.Mehr ...
Anna-Katharina Hahn: Das Kleid meiner Mutter © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2016

Anna Katharina Hahn
Das Kleid meiner Mutter

Die eigentliche Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist (…) die Spanierin Ana María. Sie gehört der desillusionierten jungen Generation Südeuropas an: gut ausgebildet, aber ohne jede Chance auf eine angemessene Beschäftigung. In ihrer Clique nehmen sie ab und zu desaströse Gelegenheitsjobs an, aber sie ziehen notgedrungen wieder in ihre Kinderzimmer bei den Eltern zurück und sind von ihnen abhängig. Hier entsteht ein hautnahes Bild des aktuellen Spanien und der europäischen Misere, das Porträt einer verlorenen Jugend. Anas Clique nennt sich „La Plaga“, und wie sie sich abends die Zeit zu vertreiben suchen, verweist untergründig auf das Kompositionsprinzip des Romans.Mehr ...
Christoph Hein: Glückskind mit Vater © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2016

Christoph Hein
Glückskind mit Vater

Christoph Heins Roman, der auf einem realen Hintergrund beruht, ist ein deutsches Fallbeispiel. Eine kalkulierte Mischung aus Wahrheit und Konstruktion, unbeirrbar und grandios. Den Vater hat Konstantin Boggosch nie kennengelernt, aber er ist eingeschrieben in sein Leben. Noch schlimmer: in die Akte, die bei den DDR-Behörden liegt. Was immer der Sohn auch vorhat, der Schatten des Vaters ist schneller. Staatlich geförderter DDR-Turner darf er trotz bester Voraussetzungen nicht werden, weil in seiner Akte steht, was dort eben über den Kriegsverbrecher steht. (…)Mehr ...
Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald © S.  Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2016

Reinhard Kaiser-Mühlecker
Fremde Seele, dunkler Wald

Es ist etwas Merkwürdiges um den Schriftsteller Reinhard Kaiser-Mühlecker. Als vor ein paar Jahren sein erstes Buch erschien, wirkte es wie aus der Zeit gefallen. Und die Nachfolger setzten das fort, mit Titeln wie „Magdalenaberg“, „Roter Flieder“ und „Schwarzer Flieder“. Die Szenerie spielt meist im ländlichen Oberösterreich, auf Bauernhöfen, die aus Entwürfen Adalbert Stifters und gelegentlich auch Peter Roseggers herüberragen. Und auch die Sprache des 1982 geborenen Autors knüpft an diese Traditionen an: realistisch, ländlich, mit langen Satzperioden, die suggestiv das Innenleben der Figuren beschwören. Sein neuer Roman führt das schon im Titel: „Fremde Seele, dunkler Wald“. Hier hat sich offenkundig das 19. Jahrhundert in die aktuelle Gegenwart geschlichen.Mehr ...
Dmitrij Kapitelman: Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters © Carl Hanser Verlag, München, 2016

Dmitrij Kapitelman
Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters

Das also ist das Setting: Junger Autor reist mit seinem Vater nach Israel. Klingt nach hohem Peinlichkeitspotenzial. Autobiografische Seelenerkundung, deutsche Selbstfindungsprosa, sanft gewürzt mit jüdischem Humor. (…) Was Dmitrij Kapitelman daraus macht, ist jedenfalls meisterhaft. Zum einen erzählt dieses Buch die Biografie einer Einwandererfamilie. Das Schicksal – im Verein mit dem deutschen Asylkontingentverteiler – schickte Dmitrij Kapitelman und seine Eltern 1994 von Kiew nach Leipzig. „Mein Vater ergatterte sein Existenzschnäppchen, die BRD bekam Rabatt auf ihre Vergangenheit.“ In Deutschland sind sie nur gelandet, weil sie „willkommene Wiedergutmachungsjuden“ waren.Mehr ...
Abbas Khider: Ohrfeige © Carl Hanser Verlag, München, 2016

Abbas Khider
Ohrfeige

Anfang 2016 einen Roman zu veröffentlichen, der sich um das Leben von Asylbewerbern in Deutschland dreht, das klingt nach einem smarten Move. Doch für Khider ist das Thema ein altes, nicht nur weil er sich in den drei Werken vor „Ohrfeige“ schon mit Flucht, Widerstand und Exil beschäftigte. Der 1973 in Bagdad geborene Schriftsteller musste 1996 selbst seine Heimat verlassen, kam über Umwege 2000 ins bayerische Ansbach. (...) Vor drei Jahren begann Khider, der inzwischen in Berlin lebt, an „Ohrfeige“ zu schreiben. Dass das Buch gerade jetzt erscheint, wo alle Medien sich mit dem Thema Migration auseinandersetzen, ist also eher Zufall. (...)Mehr ...
Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis © Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2016

Bodo Kirchhoff
Widerfahrnis

Eine Begegnung, wie aus dem Märchen: Eine Frau klingelt an der Tür der Wohnung eines Mannes, beide, die Frau und der Mann sind leidgeprüft und ein bisschen ermüdet vom Leben, beide sind sie aufs Engste mit ihrer Vergangenheit liiert, mehr als mit dem Jetzt, sie erkennen sich in ihrer Verlorenheit und beschließen, obwohl sie sich gerade erst kennengelernt haben, zu zweit eine Reise mit dem Auto zu machen. (…)Mehr ...
Radek Knapp: Der Gipfeldieb © Piper Verlag, München, 2015

Radek Knapp
Der Gipfeldieb

Er ist nur ein junger, bescheidener Heizungsableser, dem plötzlich der Sinn danach steht, eine kurze Lebensbilanz zu ziehen. Und doch braucht man nicht mehr als zwei, drei Seiten seines Monologs zu lesen, um sich mitten in jenem Wien voller schräger Figuren und absurder Situationen wiederzufinden (…). Denn Ludwik Wiewurka (…) hat zwar keine spektakulären Erfolge, dafür aber einen höchst abenteuerlichen Lebenslauf vorzuweisen: mit zwölf Jahren von der eigenen Mutter aus der behüteten Umgebung eines Warschauer Vororts und der Geborgenheit des großelterlichen Hauses herausgerissen und nach Wien entführt.Mehr ...
Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut © Carl Hanser Verlag, München, 2016

Michael Köhlmeier
Das Mädchen mit dem Fingerhut

Michael Köhlmeier ist ein stiller Mann. Und dies ist ein stilles Buch: Sein Roman „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ beschreibt einen großen, lautlosen Raum und ein Kind, das sich durch diesen Raum bewegt und überlebt. Im Moment werden viele dieses Buch ganz konkret lesen und vermuten: Michael Köhlmeier hat sich ein sechsjähriges Flüchtlingsmädchen vorgestellt, das allein in einem reichen Land zurückgelassen wird, dessen Sprache es nicht spricht. Das hungert und gefährlich erkrankt, das Freunde findet und verliert, von der Polizei aufgegriffen und in ein Heim gebracht wird, aus dem Heim ausbüxt und vagabundiert, bis eine böse, alte Frau es in ihrem Knusperhäuschen einsperrt.Mehr ...
Christian Kracht: Die Toten © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2016

Christian Kracht
Die Toten

Vordergründig erzählt Die Toten eine einfache Geschichte. Der Regisseur Emil Nägeli, Schweizer wie Kracht, erhält Anfang der Dreißigerjahre den Auftrag, nach Japan zu reisen. Dort verfolgt der Kulturfunktionär Masahiko Amakasu den Plan, dem „allmächtig erscheinenden US-amerikanischen Kulturimperialismus entgegenzuarbeiten“, eine „zelluloidene Achse“ soll entstehen zwischen Tokio und Berlin. Amakasus Verbündeter in der deutschen Hauptstadt ist Alfred Hugenberg, der reaktionäre Medienmagnat der Weimarer Republik und 1933 kurzzeitig Wirtschaftsminister im ersten Kabinett Adolf Hitlers. Für Hugenberg sind Spielfilme, so schreibt Kracht, „Schießpulver für die Augen“.Mehr ...
Brigitte Kronauer: Der Scheik von Aachen © Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2016

Brigitte Kronauer
Der Scheik von Aachen

Schon als Kind habe sie schrecklich gern geschaukelt, „so hoch, wie es ging, und so tief, wie es ging“, bemerkt die Hauptfigur Anita Jannemann einmal wie nebenbei, mitten in einer Erzählung, die sich um ihre Begeisterung für die Bergwelt dreht und um ihren Geliebten Mario, einen Hobby-Bergsteiger, der „Bergluftaroma“ verströmt und so kernig-männlich dasteht, dass sich die Balken biegen.
Überhaupt macht die 42-jährige Anita anfangs einen eher blauäugig verstrahlten, um nicht zu sagen: früh verschrullten Eindruck. Für ihre „Großliebe“ Mario ist sie aus der Schweiz in ihre Heimatstadt Aachen zurückgezogen, wo sie übergangsweise in einem sonderbaren Devotionalienladen am Dom arbeitet.Mehr ...
André Kubiczek: Skizze eines Sommers © Rowohlt Berlin Verlag, Berlin, 2016

André Kubiczek
Skizze eines Sommers

Es war nicht alles schlecht? Ach Quatsch, es war herrlich! Zumindest, wenn man wie René gerade 16 wird, einen Doppeldeck-Kassettenrekorder aus dem Intershop hat und die ganzen großen Ferien im Sommer 1985 über eine sturmfreie Bude im Potsdamer Plattenbauviertel. Renés Vater, ein regimetreuer Akademiker, fährt zu einer siebenwöchigen Friedenskonferenz in die Schweiz und lässt seinem halbwüchsigen Sohn tausend Mark für das Lebensnotwendige da und 200 extra zum Geburtstag, unter der Spüle stehen sieben Flaschen Napoleon-Weinbrand. (…)Mehr ...
Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2016

Michael Kumpfmüller
Die Erziehung des Mannes

(…) die Geschichte des Komponisten Georg darf durchaus beanspruchen, die verworrene Lage des männlichen Geschlechts im bundesdeutschen Hier und Jetzt zu erläutern. Aber von einem Ausflug in die Gefühlswelt eines Paares der Literaturgeschichte hat Kumpfmüller sich einen intimeren Erzählgestus bewahrt. Er reist gleichsam mit leichterem Gepäck. Ohne die stofflichen Frachten des klassischen Zeitromans, dafür mit dem überschaubareren Equipment eines Entwicklungsromans, auf dessen Konzept schon der Titel hinweist: Er zitiert Gustave Flauberts L’Éducation sentimentale, im Deutschen wahlweise als Die Erziehung des Herzens oder Die Erziehung der Gefühle übersetzt.Mehr ...
Katja Lange-Müller: Drehtür © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2016

Katja Lange-Müller
Drehtür

Asta steht am Münchner Flughafen, neben einer selten benutzten Drehtür bei den Mietwagen und raucht verzweifelt Duty-Free-Kippen. Sie wirkt nicht nur verloren, sie ist es auch, so wie ihr Gepäck ganz konkret auf der Strecke blieb, irgendwo zwischen Nicaragua und Deutschland. Die Hauptfigur von Katja Lange-Müllers neuem Roman hat die letzten 22 Jahre ihres Lebens in Managua und an anderen fernen Orten, in Djerba, in Ulan Bator, verbracht, im Dienst von Hilfsorganisationen. Am Ende ging sie ihren Helferkollegen wohl nur noch auf den Wecker mit ihrer Schusseligkeit und wurde pünktlich zum Eintritt ins Rentenalter mit sanftem Nachdruck in ihr Heimatland befördert.Mehr ...
Siegfried Lenz: Der Überläufer © Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg, 2016

Siegfried Lenz
Der Überläufer

Aus dem Nachlass des 2014 verstorbenen Siegfried Lenz wurde ein Schatz geborgen: „Der Überläufer“ ist ein großartiges Buch und ein Zeugnis davon, wie junge deutsche Veteranen sich nach dem Zweiten Weltkrieg fühlten. Das Buch, Siegfried Lenz’ zweiter Roman, war 1951 vom Verlag abgelehnt worden, mit höchst dubiosen Begründungen ...(...) Der 26 Jahre alte Autor hat die Kränkung hingenommen, das Manuskript beiseite gelegt und es dann vergessen. Walter Proska ist dieser Überläufer, ein junger Soldat, der 1944 in Schlesien im Feld liegt. Mit seiner kleinen Einheit befindet er sich im sommerlich-heißen, sumpfigen Nirgendwo. Seine Feinde sind bissige Fliegen und Partisanen.Mehr ...
Thomas Melle: Die Welt im Rücken © Rowohlt Berlin Verlag, Berlin, 2016

Thomas Melle
Die Welt im Rücken

Thomas Melle berichtet in seinem soeben erschienenen Buch autobiografisch über seine manisch-depressive Erkrankung. Die Geschichte seiner bipolaren Störung, ein euphemistischer, und, wie er sagt, viel zu harmloser Begriff für das Desaster, das diese Krankheit anrichtet, ist schonungslos ehrlich und schockierend brutal. Zugleich ist sie „irre“ komisch. „Existenzieller Slapstick“, nennt es Melle in einem Interview. Und da seine manischen Phasen ihn durch die Berliner Clubs, Kneipen, Partys und Konzerthallen treiben, gelingt Melle wie nebenbei ein Stimmungsbild der überhitzten Berliner Popkulturszene.Mehr ...
Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2015

Joachim Meyerhoff
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Der Roman (und als solcher ist das Werk etikettiert) setzt ein im Jahr 1989. Eigentlich kommt Joachim, der Ich-Erzähler, aus Norddeutschland nach München, um seinen Zivildienst anzutreten, wird aber völlig überraschend an der Otto Falckenberg-Schauspielschule angenommen. Mangels finanzieller Mittel quartiert der Lieberling sich im Gästezimmer der mondänen Villa seiner Großeltern ein, gelegen unmittelbar am Nymphenburger Schloss. Dreieinhalb Jahre, das ist der erzählte Zeitraum des Buchs, wird er dort bleiben.
"Ach, diese Lücke..." ist zweierlei: Die Beschreibung der Künstlerwerdung eines unbeholfenen jungen Mannes zum einen.Mehr ...
Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens © Luchterhand Literaturverlag, München, 2016

Terézia Mora
Die Liebe unter Aliens

Sonderlinge und Querköpfe interessieren Terézia Mora von jeher. Vor 17 Jahren veröffentlichte die in Ungarn geborene Schriftstellerin ihr erstes Buch, Seltsame Materie, heißt es… (…)
Ihre eigensinnige Sprachverliebtheit fiel auf und dass sie die Gesellschaft vom Rand her in den Blick nahm. Seitdem hat sie Preise und Stipendien gewonnen, drei große Romane geschrieben, ihr Stil ist souveräner geworden, der häufige Wechsel zwischen auktorialer und personaler Perspektive, zwischen Außen- und Innensicht, verleiht ihren Texten etwas Quecksilbriges. Das neue Buch ist nun wieder ein Kurzgeschichtenband, Die Liebe unter Aliens heißt er.Mehr ...
Martin Mosebach: Mogador © Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2016

Martin Mosebach
Mogador

Mogador ist der ehemalige portugiesische Name einer Hafenstadt an der Atlantikküste Marokkos. (…) Mosebachs Mogador ist nicht allein die Geschichte wirtschaftskrimineller Machenschaften, sondern auch ein Märchenbuch, wo Wunder aus Wundern sprießen wie die Blumen eines Feuerwerks, wo das Menschliche dicht neben dem Grausamen haust und das Unschuldige neben dem Verdorbenen. (…)
Held der Geschichte ist ein junger Mann namens Patrick, der sich schon früh mit der aparten Pilar vermählt hat. „Sie war eine Puritanerin von der frischen, appetitlichen Sorte.“ Pilar entstammt einer vermögenden Familie, er hingegen bescheidenen Verhältnissen.Mehr ...
Kathrin Schmidt: Kapoks Schwestern © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2016

Kathrin Schmidt
Kapoks Schwestern

Seit ihrem Debüt „Die Gunnar-Lennefsen-Expedition“ von 1998 hat sich die Diplom-Psychologin Kathrin Schmidt, 1958 in Gotha geboren, einen Namen als sprachmächtige und wortschöpferische Lyrikerin und Epikerin gemacht. In ihren Familienromanen greift sie stets weit in die Tiefenschichten der deutschen Vergangenheit hinein. Dabei interessieren sie besonders die tragischen Fälle von Liebesverrat, den Stasi-Agenten begingen. Als solcher hat sich auch Werner Kapok schuldig gemacht, Sohn von Henny und Kurt. Er wuchs gemeinsam mit den Schaechter-Schwestern auf, bleibt aber im Gegensatz zu ihnen als Figur blass. Nun sind alle drei in die Treptower Gartensiedlung zurückgekehrt (...)Mehr ...
Peter Stamm: Weit über das Land © S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2016

Peter Stamm
Weit über das Land

Thomas ist Angestellter in der Welt des herrschenden Trotts: Er hat zwei Kinder, eine Ehefrau und ein Haus in einer Kleinstadt in der Schweiz. Es ist ein Leben, wie es durchschnittlicher nicht sein könnte. Doch eines Tages, aus unerfindlichen Gründen, kommt der Familienvater nicht mehr von der Arbeit zurück. Seine Ehefrau Astrid glaubt anfangs noch an ein Versehen. Sie beruhigt die Kinder, gibt sich Antworten, jongliert mit fadenscheinigen Erklärungen. Doch dann ist klar: Thomas ist abgehauen.Mehr ...
Saša Stanišić: Fallensteller © Luchterhand Literaturverlag, München, 2016

Saša Stanišić
Fallensteller

2014 veröffentlichte Saša Stanišić seinen flirrenden, wunderbaren und zu Recht mit Preisen dekorierten Roman Vor dem Fest, der in dem fiktiven, aus mehreren realen Dörfern zusammenkomponierten Dorf Fürstenfelde angesiedelt war.
Die Titelgeschichte seines neuen Erzählbandes Fallensteller, mit knapp 100 Seiten auch die deutlich längste des Buchs, kehrt dorthin und zu der chorischen Erzählweise zurück. Der Schriftsteller ist weg. Allerdings taucht nun eines Tages der Fallensteller auf, „hinten Zopf, vorne Glatze, schwarzer Mantel mit hohem Kragen wie aus einem Jahrhundert, in dem Männer ,Beinkleider' trugen“. Der geheimnisvolle Fremde, der ausschließlich in Reimen spricht, ist ein Problemlöser.Mehr ...
Heinz Strunk: Der goldene Handschuh © Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2015

Heinz Strunk
Der goldene Handschuh

Es ist kein aktueller Gesellschaftsroman, vielmehr erzählt Heinz Strunk die Geschichte des Hamburger Frauenmörders Fritz Honka aus den siebziger Jahren und findet dabei eine so einleuchtende Sprache für diesen nahe an der Sprachlosigkeit hausenden Menschen. Wie nebenbei zeichnet Heinz Strunk damit aber auch das Bild einer Gesellschaft, die mit den hellen Selbstbeschreibungen der alten Bundesrepublik wenig zu tun hat. Es hat etwas zutiefst Ungemütliches, aber auch sehr Erhellendes, in diesem Roman nachzulesen, was alles zu den Hinterlassenschaften dieser Zeit gehört.Mehr ...
Guntram Vesper: Frohburg © Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main, 2016

Guntram Vesper
Frohburg

Jahrzehnte hat Vesper, der bisher vor allem als Lyriker und Hörspielautor Renommee erlangte, mit dem „Durchgehen, Durchsuchen, Durchforsten von Erinnerungen“ zugebracht. Nun stellt er seine Frohburger Kindheit und Jugend – 1957 floh er mit seiner Familie in die Bundesrepublik – vor den Hintergrund einer unheilvollen, ideologisch besetzten Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (…).Mehr ...
Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen © Matthes & Seitz Verlag, Berlin, 2016

Anna Weidenholzer
Weshalb die Herren Seesterne tragen

Die entscheidende Frage lautet: Warum? Warum forscht Karl Hellmann? Und wonach? Das will der Mann wissen, der vor dem Supermarkt Brathähnchen verkauft. Karl und der Mann schweigen, sie sehen den Hühnern zu, die sich auf der Stange drehen. Wir möchten folgender Frage nachgehen, beginnt er und denkt: Ich weiß es doch auch nicht mehr. Wir möchten herausfinden, wie zufrieden, kurz gesagt, möchten wir festhalten, wie das Leben hier ist. Das könnte glatt eine Loriot-Szene sein. Wie überhaupt Karl Hellmann eine Figur sein könnte, die aus einem leicht angeschrägten melancholischen Film entsprungen sein könnte.Mehr ...
Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit © Diogenes Verlag, Zürich, 2016

Benedict Wells
Vom Ende der Einsamkeit

Der Münchner Schriftsteller Benedict Wells, Jahrgang 1984, ist ein literarisches Wunderkind. Bereits im Alter von Mitte zwanzig gelang ihm ein Bestseller, Becks letzter Sommer, der mit Christian Ulmen verfilmt wurde. (...) Vom Ende der Einsamkeit, Wells´neuer Roman, ist sein bisher ambitioniertestes Werk: die Chronik einer Familie, nachgezeichnet über mehr als drei Jahrzehnte. Der Icherzähler, ein Mann namens Jules, blickt mit Anfang vierzig voller Wehmut auf sein Leben und das seiner Familie zurück. (...)Mehr ...
Philipp Winkler: Hool © Aufbau Verlag, Berlin, 2016

Philipp Winkler
Hool

„Hool“ ist das aus konsequenter Ich-Perspektive erzählte Porträt eines jungen Mannes namens Heiko Kolbe. Schon seit seiner Jugend ist er Teil der Hannoveraner Hooligan-Szene, hineingerutscht über den eigenen Vater und einen Onkel, bestärkt durch die Bildung einer Clique aus befreundeten Nachbarjungs, mit denen Heiko die ersten organisierten Prügeleien gegen fanatische Anhänger anderer Fußballvereine besteht. Die notwendige Gewaltbereitschaft verlangt nach Gemeinschaft, Vertrauen, Perfektionierung. Die jugendlichen Körper werden zu Kampfmaschinen, die Clique wird zu einer Phalanx, in der jeder seine feste Rolle innehat. (…)Mehr ...