Ein liebender Mann
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008ISBN 978-3-498-07363-3
Martin Walser hat das Peinliche nie gescheut. Es bildet die Antriebskraft seines Schreibens von Anbeginn. Aber was heißt peinlich? (…) Als peinlich gilt zum Beispiel, wenn ein alter Mann sich in ein Mädchen verliebt und seine Verliebtheit öffentlich zeigt. Das ist Goethe passiert, als er sich an der 19 Jahre jungen Ulrike von Levetzow entzündete und rasch in Flammen stand. Da war er 73. Über diese Affäre hat Walser jetzt einen seiner schönsten Romane geschrieben: Ein liebender Mann. (…) Dieses Geschütteltwerden ist Walsers Thema. Und es ist sonnenklar, dass Walser, indem er über Goethe schreibt, über sich selber schreibt. Mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen (und die sind wahrlich nicht gering), versucht er, uns heutige Leser mit der Unmöglichkeit, der Peinlichkeit eines solchen Begehrens zu versöhnen, es uns verständlich, verzeihbar zu machen. Und wir können ihm, was Goethe betrifft, durchaus folgen, denn wir haben – als Liebesverwirklichungsersatz – die Marienbader Elegie, ein Kunstwerk, in dem der Alte wieder einmal zeigt, was er kann. Man hat derlei nach Freud Sublimation genannt, aber das ist nur ein neues Wort für eine alte Sache: Dichtung entsteht aus der Erfahrung des Mangels.
Ulrich Greiner: „Keine Liebe war es nicht”
Die ZEIT, 21. Februar 2008
Die ZEIT, 21. Februar 2008
Links zum Thema
Hörprobe - gelesen von Martin Walser

(unterstützt von www.literaturport.de)











