Belletristik – Romane

Ulrike Edschmid
Ein Mann, der fällt

© Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017Der Mann, der in Ulrike Edschmids Roman fällt, erhält keinen Namen. Er bleibt durchgehend der auf erzählerische Distanz gehaltene „Er“.
Er also sagt im Krankenhaus, er sei gefallen wie der Abstürzende in Beckmanns Gemälde, mit dem Kopf voran, die Arme vorgestreckt. Die Ärzte im Krankenhaus haben einen Namen für die Folgen des Sturzes: Contusio spinalis, Stauchung des Rückenmarks. Noch eine kleine Hoffnung auf die unverletzten Nervenbahnen. Aber es ist klar, dass nach diesem Tag, nach dem 27. Juli 1986, nichts mehr so sein kann wie zuvor.
Das Faszinierende an diesem Buch, das, wie die Autorin in einem Nachsatz einräumt, auf Tatsachen beruht, ist der Tonfall, den Edschmid gefunden hat. Pathos oder Sentimentalität sind ihr vollkommen fremd. Mit Distanz, ja beinahe mit Kälte beobachtet das erzählende Ich den Mann, der ihr Mann ist und es auch nach seinem Unfall bleiben wird; seine von Wut und Verzweiflung angetriebenen und von Angst wieder zurückgeschlagenen Versuche, sich zumindest einen Teil des alten Lebens zurückzuerobern. (…) Denn neben der diskret erzählten Liebesgeschichte, und um nichts anderes handelt es sich, ist „Ein Mann, der fällt“ auch ein genauer Seismograf der Umwälzungen, die die Stadt [Berlin] von 1986 bis in die Nullerjahre durchlebt. Das Haus verändert sich und die Menschen in ihm auch. (…) Es sind die politischen Zeitenwenden, die Edschmid im Kleinen beobachtet und festhält.

Christoph Schröder: „Das Rückgrat der Stadt“
© Der Tagesspiegel, 29. Mai 2017

Ulrike Edschmid
Ein Mann, der fällt
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017
ISBN 978-3-518-42581-7
199 Seiten


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