Belletristik – Romane

Christoph Hein
Trutz

© Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017 Christoph Hein: Trutz © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017Auf einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur meldet sich ein Mann und moniert einige Fehler im Vortrag der Referentin. Das Interesse des neugierigen Erzählers ist geweckt. Der Mann heißt Maykl Trutz und ist kein Klugscheißer, wie die pikierte Referentin meint. Trutz hat vielmehr eine erstaunliche Ausbildung hinter sich, ein Gehirntraining der Sonderklasse. Er wurde nämlich in Moskau von Waldemar Gejm, einem Professor für Mathematik und Sprachwissenschaft, in der Kunst der Mnemonik unterwiesen. Die Mnemotechnik ist ein ausgeklügeltes Gedächtnistraining. Wer sie beherrscht, ist beim Erinnern klar im Vorteil. In Zeiten von Faschismus und Stalinismus, in denen nicht die Wahrheit zählt, sondern der blinde Gehorsam, können allerdings genaue Erinnerungen und der Wunsch, sie auch zu formulieren, lebensgefährlich werden. (…)
Die Eltern von Trutz sind vor den Nazis von Berlin nach Moskau geflüchtet, sie versuchen mehr schlecht als recht im stupiden Arbeitssystem der Stalinisten zu überleben, und sie werden schließlich, genau wie die befreundeten Gejms, vom sowjetischen Terror in den Tod getrieben. (…) Nun hat Christoph Hein abermals ein Werk vorgelegt, das in seiner Analyse und Vielschichtigkeit beeindruckt. Selbst in dunkelsten Konstellationen weiß er helle Szenen einzurichten, kleine Familienanekdoten zu erzählen, groteske Geschichten aus der Verlagswelt der Weimarer Republik.

Carsten Otte: „Die Gedächtnisrebellion“
© die tageszeitung, 28. Juni 2017

Christoph Hein
Trutz
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017
ISBN 978-3-518-42585-5
477 Seiten


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