Belletristik – Romane

Daniel Kehlmann
Tyll

© Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2017 Daniel Kehlmann: Tyll © Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2017Der Roman heißt „Tyll“, und seinen Umschlag ziert eine Gauklermaske, aber Daniel Kehlmann hat keinen Roman über Till Eulenspiegel geschrieben. Er hat vielmehr einen Roman über den Dreißigjährigen Krieg geschrieben, in dem be­fremd­licher­wei­se die mittelalterliche Schelmenfigur des Tyll Ulenspiegel auftaucht. Nach Kriterien der historischen Richtigkeit hat sie dort nichts zu suchen, aber nach Kriterien der poetischen, vielleicht sogar der psychologischen Richtigkeit könnte man das auch anders oder gerade umgekehrt sehen. (…)
Vielleicht denkt es sich Kehlmann so: Im Lauf der hundert Jahre zuvor, in denen die Eulenspiegel-Geschichten schon gedruckt in Umlauf waren, muss die Figur des rebellischen Gauklers, des keineswegs durchweg lauteren, sondern auch bösen und zynischen Streichemachers, zu einem Typus der Volkslegende geworden sein, die jederzeit wieder ins Leben treten kann, wenn nur irgendeiner begabt und abgefeimt genug dafür ist – und die Welt hinreichend schlecht und elend, dass es sich für einen Spötter lohnt, mit ihren Widersprüchen und frommen Lügen zu spielen. Und das ist zweifellos der Fall im großen europäischen Glaubenskrieg, in dem es um den Glauben zuallerletzt oder nur als Vorwand geht. (…) Kehlmann erzählt schreckliche Geschichten aus einer schrecklichen Zeit (…) Ein Menschenleben wiegt nichts; aber schlimmer noch als Gewalt und Blut und Hunger und Seuchen sind die Verheerungen, die der Außendruck des Krieges im Innern des Einzelnen anrichtet.

Jens Jessen: „Der ewige Gaukler“
© Die Zeit, 5. Oktober 2017

Daniel Kehlmann
Tyll
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2017
ISBN 978-3-498-03567-9
480 Seiten