Belletristik – Romane

Michael Köhlmeier
Der Mann, der Verlorenes wiederfindet

© Carl Hanser Verlag, München, 2017 Michael Köhlmeier: Der Mann, der Verlorenes wiederfindet © Carl Hanser Verlag, München, 2017Ein Mann liegt auf dem Klosterplatz von Arcella bei Padua und stirbt. Dreitausend Menschen sehen ihm dabei zu. Soeben hatte er noch vor ihnen gepredigt, dann ließen ihn die Kräfte im Stich. Es ist heiß. Die Menge hält Abstand. Man hat ihm eine Decke in den Nacken gelegt und ihn auf einer Pritsche aufgebahrt. Niemand hilft ihm, niemand kommt, um seinen Durst zu stillen oder seine Schmerzen zu linden. Man will sehen, wie ein Heiliger von Gott zu sich geholt wird.
Michael Köhlmeier ist ein Fachmann für das kunstvolle Verknüpfen von historischer Figuren in fiktionale Texte (…) Nun hat Michael Köhlmeier sich eines Menschen angenommen, der eine ideale Projektionsfläche für eine Reflexion um Glauben, Geist und die Anfälligkeit für Versuchungen abzugeben scheint.
Antonius von Padua, geboren gegen Ende des 12. Jahrhunderts, gestorben 1231, gehörte dem Franziskanerorden an, war, anders als der Ordensgründer und Zeitgenosse Franziskus von Assisi, ein scharfsinniger und belesener Intellektueller. Zugleich aber war er ein Mann, der vom Volk verehrt wurde. (…) Wie seine Hauptfigur Antonius, die sich selbst immer wieder zur Mäßigung ermahnt, ist Köhlmeier kein auftrumpfender Autor. Er lässt Raum für Zweifel. Er lässt dem Nichts, das der Teufel ist, ebenso Platz wie dem Hass. ,,Nur in einer Welt des Hasses', so heißt es, ,,sei die göttliche Gnade sinnvoll.' Wovon aber handelte sie nun, die letzte Predigt des Antonius? Darüber sind die Zeugen, die Köhlmeier auftreten lässt, sich nicht einig.

Christoph Schröder: „Gnade ist nur, wo auch Hass ist“
© Süddeutsche Zeitung, 7. August 2017

Michael Köhlmeier
Der Mann, der Verlorenes wiederfindet
Carl Hanser Verlag, München, 2017
ISBN 978-3-446-25645-3
158 Seiten


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