Belletristik – Romane

Robert Menasse
Die Hauptstadt

© Verlag, Berlin, 2017 Robert Menasse: Die Hauptstadt © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017Am Anfang von Die Hauptstadt läuft ein Schwein durch Brüssel. Eine lustige, eine hochsymbolische und damit auch eine politische Szene, denn sie erzählt sehr viel von jenem Ort, der zur negativen Projektionsfläche in ganz Europa geworden ist: Die Hauptstadt der EU, Hort der europäischen Bürokratie, die sich anmaßt, über das Leben in so vielen Ländern zu bestimmen. (…) Aber das sind vor allem Ressen­ti­ment-Schablo­nen, und das zeigt Menasse auch schon zu Beginn des Textes. Für ihn gibt es nicht nur die Drecksau, sondern immer auch das Glücksschwein, und so steht dieses domestizierte Tier, das in den Straßen der Hauptstadt auch seine Wild­heit auslebt, nicht nur für den Gegenstand des Romans, sondern auch für Menasses literarisch-philosophisches Gesamtprojekt das historisch versiert, dialektisch angelegt und immer wirklichkeitsgesättigt ist.
Denn Menasse hat auf seiner Recherchetour in Brüssel festgestellt, wie gut die Europäische Union dann doch funktioniert; er hat sehr schnell begriffen, dass manche Vorurteile durchaus zutreffen, viele andere allerdings nicht. Dass viele EU-Beamte durchaus kleine Helden sind, nicht nur Lobbyisten und ordnungsfanatische Gesetzesentwickler. Der Schriftsteller realisierte zudem, dass er seine Geschichte nicht aus einer einzigen Perspektive schreiben kann, dass es mehrere Stimmen geben muss in einem Roman, der von der europäischen Vielfalt handelt.

Carsten Otte: „Vom Weltgeist der Verträge“
© die tageszeitung, 16. September 2017

Robert Menasse
Die Hauptstadt
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017
ISBN 978-3-518-42758-3
458 Seiten


Links zum Thema