Belletristik – Romane

Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017

Ulrike Edschmid
Ein Mann, der fällt

Der Mann, der in Ulrike Edschmids Roman fällt, erhält keinen Namen. Er bleibt durchgehend der auf erzählerische Distanz gehaltene „Er“.
Er also sagt im Krankenhaus, er sei gefallen wie der Abstürzende in Beckmanns Gemälde, mit dem Kopf voran, die Arme vorgestreckt. Die Ärzte im Krankenhaus haben einen Namen für die Folgen des Sturzes: Contusio spinalis, Stauchung des Rückenmarks. Noch eine kleine Hoffnung auf die unverletzten Nervenbahnen. Aber es ist klar, dass nach diesem Tag, nach dem 27. Juli 1986, nichts mehr so sein kann wie zuvor.Mehr ...
Theresia Enzensberger: Blaupause © Carl Hanser Verlag, München, 2017

Theresia Enzensberger
Blaupause

Luise Schilling, Tochter aus gutem Hause in Berlin, kommt 1921 als Studentin ans Weimarer Bauhaus. So ehrgeizig wie naiv stürzt sich die Ich-Erzählerin von „Blaupause“ ins Architekturstudium. Sie taucht ein in den esoterischen Kreis um den Schweizer Maler und Naturmystiker Johannes Itten – der damals als einer der Ersten als Meister ans Bauhaus berufen wurde – und glaubt bald, durch Fasten-Rituale und Körperkult einen Zugang zur Kunst und neue Freunde gefunden zu haben. Im Kreise der Itten-Jünger lernt sie Jakob kennen, einen dandyhaften Studenten, der nicht nur ihr den Kopf verdreht.Mehr ...
Ulla Hahn: Wir werden erwartet © Deutsche Verlags-Anstalt München, 2017

Ulla Hahn
Wir werden erwartet

Wenn das Schreiben einer Autobiografie dazu dient, sich über das eigene Leben Klarheit zu verschaffen – und das gilt für die autobiografisch inspirierte Romanform, die Ulla Hahn gewählt hat, ebenso –, dann ist die fünfjährige Aktivität für die DKP der erklärungsbedürftigste Abschnitt im Lebensweg der Autorin, die zu den bedeutendsten und beliebtesten deutschen Dichterinnen der Gegenwart gehört. Die Erklärung, die sich auf vier Bände und 2500 Seiten ausgewachsen hat, ist für sie wie für die Leser von größtem Interesse: psychologisch, soziologisch, zeithistorisch und literarisch. Denn „Wir werden erwartet“ schließt eine Bildungs-, Emanzipations- und Aufstiegsgeschichte ab.Mehr ...
Christoph Hein: Trutz © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017

Christoph Hein
Trutz

Auf einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur meldet sich ein Mann und moniert einige Fehler im Vortrag der Referentin. Das Interesse des neugierigen Erzählers ist geweckt. Der Mann heißt Maykl Trutz und ist kein Klugscheißer, wie die pikierte Referentin meint. Trutz hat vielmehr eine erstaunliche Ausbildung hinter sich, ein Gehirntraining der Sonderklasse. Er wurde nämlich in Moskau von Waldemar Gejm, einem Professor für Mathematik und Sprachwissenschaft, in der Kunst der Mnemonik unterwiesen. Die Mnemotechnik ist ein ausgeklügeltes Gedächtnistraining. Wer sie beherrscht, ist beim Erinnern klar im Vorteil.Mehr ...
Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war © Deuticke Verlag, Wien, 2017

Paulus Hochgatterer
Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

Über das Ende, den Zusammenbruch, die Kapitulation, die Befreiung, wie immer man das auch nennen mag – darüber jedenfalls ist viel gesagt und viel geschrieben worden. (…) Der Österreicher Paulus Hochgatterer, der nicht nur Schriftsteller ist, sondern auch als Kinderpsychologe in Wien arbeitet, hat in einem Interview gleich zwei gute Gründe genannt, die seine neue Erzählung, ein schmales Buch von gerade einmal 110 Seiten, legitimieren: Zum einen, so Hochgatterer, sterbe nach und nach die Generation derjenigen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt hätten. (…)Mehr ...
Daniel Kehlmann: Tyll © Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2017

Daniel Kehlmann
Tyll

Der Roman heißt „Tyll“, und seinen Umschlag ziert eine Gauklermaske, aber Daniel Kehlmann hat keinen Roman über Till Eulenspiegel geschrieben. Er hat vielmehr einen Roman über den Dreißigjährigen Krieg geschrieben, in dem be­fremd­licher­wei­se die mittelalterliche Schelmenfigur des Tyll Ulenspiegel auftaucht. Nach Kriterien der historischen Richtigkeit hat sie dort nichts zu suchen, aber nach Kriterien der poetischen, vielleicht sogar der psychologischen Richtigkeit könnte man das auch anders oder gerade umgekehrt sehen. (…)Mehr ...
Michael Köhlmeier: Der Mann, der Verlorenes wiederfindet © Carl Hanser Verlag, München, 2017

Michael Köhlmeier
Der Mann, der Verlorenes wiederfindet

Ein Mann liegt auf dem Klosterplatz von Arcella bei Padua und stirbt. Dreitausend Menschen sehen ihm dabei zu. Soeben hatte er noch vor ihnen gepredigt, dann ließen ihn die Kräfte im Stich. Es ist heiß. Die Menge hält Abstand. Man hat ihm eine Decke in den Nacken gelegt und ihn auf einer Pritsche aufgebahrt. Niemand hilft ihm, niemand kommt, um seinen Durst zu stillen oder seine Schmerzen zu linden. Man will sehen, wie ein Heiliger von Gott zu sich geholt wird.
Michael Köhlmeier ist ein Fachmann für das kunstvolle Verknüpfen von historischer Figuren in fiktionale Texte (…)Mehr ...
Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann © DuMont Verlag, Köln, 2017

Mariana Leky
Was man von hier aus sehen kann

Lekys dritter Roman „Was man von hier aus sehen kann“ macht schon im Titel klar, dass vom eigenen Standpunkt aus nie alles sichtbar und in seiner Bedeutung offen­bar werden kann. Wo die Schüsse sich lösen im Leben, bleibt immer eine Über­ra­schung. So ist das auch in dem kleinen Dorf im Wester­wald, in dem der Roman spielt - mal abgesehen davon, dass der Vater der Erzählerin Luise, der immer allen rät „mehr Welt hereinzulassen“, bald auf eine nicht mehr endende Weltreise geht. Auch die Mutter, eine Blumenhändlerin, ist eher abwesend, mit der Trennung vom Ehemann und mit ihrem Liebhaber beschäftigt, so dass die Groß­mut­ter Selma zur wichtigsten Figur für Luise und zum Mittel­punkt der Dorf­welt wird.Mehr ...
Robert Menasse: Die Hauptstadt © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017

Robert Menasse
Die Hauptstadt

Am Anfang von Die Hauptstadt läuft ein Schwein durch Brüssel. Eine lustige, eine hochsymbolische und damit auch eine politische Szene, denn sie erzählt sehr viel von jenem Ort, der zur negativen Projektionsfläche in ganz Europa geworden ist: Die Hauptstadt der EU, Hort der europäischen Bürokratie, die sich anmaßt, über das Leben in so vielen Ländern zu bestimmen. (…) Aber das sind vor allem Ressen­ti­ment-Schablo­nen, und das zeigt Menasse auch schon zu Beginn des Textes. Für ihn gibt es nicht nur die Drecksau, sondern immer auch das Glücksschwein, und so steht dieses domestizierte Tier, das in den Straßen der Hauptstadt auch seine Wild­heit auslebt.Mehr ...
Marion Poschmann: Die Kieferninseln © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017

Marion Poschmann
Die Kieferninseln

„Die Kieferninseln“ ist vor allem ein immens komisches Buch. Dabei könnte man sich die Grundkonstellation kaum trauriger vorstellen. Der eine Mann, ein deutscher Kulturwissenschaftler namens Gilbert Silvester (derzeitiges Spezial-, aber auch aka­de­misches Not­stands­gebiet: Bart­forschung, (…) hat gerade die Flucht angetreten vor dem Verdacht, seine Frau betrüge ihn. Dafür gibt es zwar außer einem Traum kein Indiz, aber den im Leben bereits vielfach gescheiterten Herrn treibt es so weit weg, wie er es sich nur vorstellen kann: mit dem nächsten Flieger nach Japan („alles in allem bartlose Personen“). Dort trifft er im spätsommerlichen Tokio zu­fällig den Studenten Yosa Tamagotchi.Mehr ...
Sasha Marianna Salzmann: Außer sich © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017

Sasha Marianna Salzmann
Außer sich

Der Roman der 1985 in Wolgograd geborenen und in Moskau aufgewachsenen Autorin, die nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland zunächst als Dramatikerin hervorgetreten ist, setzt dabei auf kongeniale Weise um, was der Titel verspricht. „Außer sich“ erzählt von Entgrenzungen. (…) Der Roman erstreckt sich über ein ganzes Jahrhundert und erzählt von vier Generationen einer Familie. Dabei pendelt er zwischen der Sowjetunion und dem Deutschland nach der Wende sowie der Türkei der Gegenwart hin und her. Doch er erzählt seine Geschichte nicht etwa als breit ausgemaltes Panorama, nicht als Schlachtengemälde.Mehr ...
Ingo Schulze: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst © S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2017

Ingo Schulze
Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Es gehört zum großen Geheimnis der DDR, dass sie tatsächlich einen neuen Menschen geschaffen hat, der selbst den Zusammenbruch des Ostblocks ziemlich gut überlebt hat: den kritischen Bürger des Sozialismus. (…) Diesem kritischen Bürger der DDR, diesem Michel des wahren Sozialismus, den es derart verbreitet in keinem anderen Land des Ostens gab, hat der Schriftsteller Ingo Schulze mit seiner Figur Peter Holtz jetzt ein Denkmal gesetzt. Holtz, ein Waisenkind aus der DDR, nimmt den Sozialismus ernster als alle anderen Menschen um ihn herum, ja selbst ernster, als es Partei und Stasi gestatten. Er taugt mit seiner Naivität nicht einmal zum Spitzel, belehrt aber Freunde und Feinde.Mehr ...
Uwe Timm: Ikarien © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2017

Uwe Timm
Ikarien

München ist im Frühjahr 1945 eine Ruinenstadt: Im Dach der Pinakothek, der Universität und vieler anderer Gebäude klaffen große Löcher, von Fliegerbomben in den letzten Tagen des Krieges gerissen. (…) Das Ende des Krieges ist eine Zeit, auf die Timm, der sie selbst als Fünfjähriger erlebt hat, immer wieder zurückkommt. In seinem erfolgreichsten Buch, „Am Beispiel meines Bruders“, hat er schon nach dem gesucht, was den älteren Bruder damals dazu gebracht hat, nach Russland in den Krieg zu ziehen. „Ikarien“ beginnt nun mit einer Rückkehr: Der junge Michael Hansen kommt aus den USA, in die seine Familie schon viele Jahre vor dem Krieg ausgewandert war, nach Deutschland zurück.Mehr ...
Barbara Zoeke: Die Stunde der Spezialisten © Die Andere Bibliothek, Berlin, 2017

Barbara Zoeke
Die Stunde der Spezialisten

Die Aufarbeitung der Naziverbrechen hat unaufhörlich Tatbestände ans Licht gebracht, gegen die sich die Vorstellung sträubt. Zum Widerwärtigsten zählt die systematische Ermordung von mehr als 200 000 Kranken als „unwertes Leben“ durch Ärzte, die mit der Ideologie einer Reinigung deutschen Erbguts gerechtfertigt wurde. Dass Mediziner, zu deren Ethos der Grundsatz gehört, den Kranken nicht zu schaden, in der Mordmaschinerie persönlich Hand anlegten, ist unfassbar. Und doch muss es begriffen werden, eine gesellschaftliche Verständigung über medizinische Ethik kann in Deutschland nicht ohne Kenntnis der Verbrechen von Ärzten in der Nazizeit erfolgen. Die historische Forschung mit ihren distanzierten Beschreibungen und Statistiken erreicht die meisten Menschen aber leider nicht. (…)Mehr ...




Besondere Empfehlung: Krimi
Simone Buchholz: Beton Rouge © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017

Simone Buchholz
Beton Rouge
Krimi

Die da oben sind gierig, unfähig und korrupt. Wer das einmal verstanden hat, etwa weil er Krimis von Simone Buchholz liest, den wird es kaum überraschen, dass sie darüber hinaus sadistisch veranlagt sind und in ihrer Freizeit junge Radlerinnen totfahren.
Hallo Hamburg! Chastity Riley ist wieder unterwegs, die Krimi-Staatsanwältin von Simone Buchholz. (…)
Chastity Riley ist Weltschmerz auf Beinen, eine Gestalt, die im Wesentlichen durch ihre Accessoires beschrieben wird: Alkohol, Kaffee, Lederjacke, alte Musik (…)Mehr ...
Monika Geier: Alles so hell da vorn © Ariadne im Argumentverlag, Hamburg, 2017

Monika Geier
Alles so hell da vorn
Krimi

Monika Geiers Serienheldin in bislang sieben Kriminalromanen ist Bettina Boll. (…) Die aktuellen Ermittlungen verlaufen chaotisch. Der Polizist, der in dem Bordell erschossen worden ist, war ein vertrauter Kollege, weshalb sie jetzt in die SoKo abgeordnet wird, die den Amoklauf der jungen Prostituierten untersucht. Boll, hin- und hergerissen zwischen Dienstpflichten und Instinkt, desorganisiert, ist doch irgendwie immer mitten drin, findet die richtige Zeugen, stellt die richtigen Fragen und gibt sogar einen lebensrettenden Schuss ab. Diese Frau muss man lieben, weil sie trotz Dauererschöpfung im Chaos alle Bälle in der Luft hält.Mehr ...