Judith Hermann

Alice

Judith Hermann: Alice © S. Fischer Verlag Die Konstellation hat etwas Extremes. Sie wirkt wie die trotzige Antwort auf einen Vorwurf, der im Zusammenhang mit Judith Hermanns früheren Geschichten auftauchte: Ihren Figuren, so lautete der Tenor, mangele es an existentiellen Erfahrungen, an Grenzsituationen, an Realitätskontakt. Alice nun, die Verlustreiche, scheint vom trägen Treiben der Berliner Jungbohème geradewegs ins Erwachsenenleben katapultiert worden zu sein, dorthin, wo es am ernstesten ist. Während ihr Ex-Liebhaber auf der Krebsstation einer Provinzklinik dahinsiecht, steht sie seiner Frau und seinem Kind zur Seite.
Ihr Besuch bei einem befreundeten älteren Paar am Gardasee wird durch den plötzlichen Tod des Gastgebers (Insider erkannten flugs den Literaturkritiker Reinhard Baumgart) verdunkelt. Der Mann einer Freundin stirbt in Berlin an Krebs, und Alice leistet Beistand, so gut sie es vermag. Sie trifft sich mit dem einstigen Partner ihres schwulen Onkels, der sich mit Barbituraten umbrachte. Am Ende ist dann auch noch ihr Lebensgefährte gestorben, und sie muss seine Kleider entsorgen und ihre Erinnerungen sortieren. Ist das nicht ein Übermaß an Tragödienstoff und Krisenpotential? Keineswegs, wenn der Mehltau des Hermann-Tons darüber liegt, dieser zarte Frosthauch einer Grundmelancholie, die gegen veritable Erschütterungen resistent bleibt.

Kristina Maidt-Zinke: "Das Verfließen des Lebens"
© Süddeutsche Zeitung, 05.Mai 2009

Judith Hermann
Alice
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2009
ISBN 978-3-10-033182-3
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